Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1849)
- Date
- 1849-09-17
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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538 eröffnet, denn die Zahl der Waisen und Wittwcn ist wieder sehr groß. Pose«, 7. September. (Privatmitth.) Zu meinem jüngsten Berichte über den sich hier gebildeten Verein *) zur Hebung und Beförderung religiöser Institute, habe ich Ihnen nachträglich zu melden, daß derselbe den Namen „Religionsverein" angenommen hat. Obgleich der Vorstand desselben, vom regen Eifer für das Gute beseelt, eine fast unermüdende Thätigkeit an den Tag legt und keine Mühe scheut, um sein edles Vorhaben zur Ausführung zu bringen; findet die Tendenz des Vereins dennoch bei einem großen Theile der hiesigen jüdischen Einwohner keinen Anklang. Dies läßt sich daraus schließen, daß viele Familienväter, die Aufforderung des Vereins ganz unbeachtet lassend, in dem ihnen anberaumtcn Termine gar nicht erschienen sind. Eine betrübende Erscheinung, die sich theils durch den Verfall der sozialen Verhältnisse, theils durch den auch hier um sich greifenden Jndifferentismus gegen die Religion — besonders wenn sie Gcldausgaben erheischt — erklären läßt. Die letzte No. d. Z. d. I. bringt uns von Konstantinopel die Anzeige von der ausgeübtcn Wohlthäligkeit des Sir Moses Montefiore bei seiner Anwesenheit in Damaskus. Es wird daher den geehrten Lesern Ihres geschätzten Blattes nicht unangenehm sein, die Ehrenbezeugungen zu erfahren, welche dem würdigen Sir M. in Damaskus zu Theil wurden. Am 3. Juli kam der berühmte Sir Moses Montesiorc in Damaskus an; ihn begleiteten Lady Montefiore, Oberst Gawlcr, Br. Frankel und Herr Meyers. Sein Einzug in Damaskus fand in sehr prachtvoller Weise statt. Mehrere Polizeibeamte, der Dragoman des englischen Konsulats und die vornehmsten Mitglieder der israelitischen Gemeinden gingen dem frommen Reisenden drei Stunden weit entgegen. Als er im Judenquartier ankam, wurde er von einer zahlreichen Menge jedweden Geschlechts mit dem lebhaftesten Lebehoch empfangen. Ehe er sich nach der für ihn bestimmten Wohnung begab, ging er in das Gotteshaus, um dem Allvater zu danken, daß er die durch seine Fürsprache von manchem Drangsal befreiten Glaubensgenossen am Leben erhalten habe. In den *) Siehe No. 35 d. Z. d. I. „Posen". folgenden Tagen erhielt er zahlreiche Besuche, unter anderen — außer dem Personale des englischen, österreichischen, russischen, griechischen, amerikanischen und preußischen Konsulats — auch der des Vorstehers des Klosters vom heiligen Grabe, so wie des Pfarrers der lateinischen Kongregation, des griechischen Patriarchen mit seinem Archidiakon und eine Deputation Diözesangeistlichkeit u. s. w. Viele unter diesen Personen, die hier zum ersten Male in ihrem Leben ein jüdisches Haus in Damaskus betraten, versicherten dem frommen Sir ihre herzlichen Sympathieen für die israelitische Nation und der Eintracht zwischen den beiderseitigen Glaubensverwandten. Herr Montefiore dankte ihnen mit Innigkeit für den Ausdruck ihrer Gefühle, und bat die ehrwürdigen Prälaten, ein so lobenswerthes Ziel stets verfolgen zu wollen. Auch mehrere, sowol christliche als muselmännische Beamte kamen zum Besuche. Am 5. begab sich Sir Montefiore in Begleitung des Obersten Gawler zu Sr. Exzellenz dem Pascha, der ihn mit Auszeichnung empfing. Er empfahl diesem hohen Würdenträger seine Glaubensgenossen schriftlich in Beantwortung eines Schreibens des Pascha. Am 8. reiste er nach Saffet, und vertheilte auf seiner ganzen Reise reichliche Almosen an die Armen, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses. O daß die Juden überall solche Wortführer und Fürsprecher hätten! dann dürfte es wahrlich keinem „Sonntagsblatlschreiber" einfallen,in seinen, dem 19ten Jahrhundert hohnsprechendcn Artikeln, Haß und Verachtung gegen uns zu verbreiten! M. B—g. Berlin, 9. September. (Privatmitth.) Es ist schon öfter die Frage aufgeworfen worden, wenn jetzt der jüdische Staat wieder aufgerichtet werden würde, was für eine Staatsform würde er erhalten? Würde er eine absolutistische Monarchie, oder eine konstitutionelle Monarchie, würde er eine aristokratische Republik, oder eine demokratische, oder gar eine sozialistische werden sollen? Die Meinungen sind sehr verschieden. Die meiste Aussicht hätten aber die absolutistische Monarchie, wenn nämlich der Messias an die Spitze träte, oder die demokratische Republik, die echthebräische Staatsform, wie die Zeit der Richter lehrt; jedoch wäre es zu vermuthen, daß die Letztere einen starken Anstrich von Plutokratie, d. h. geldaristokratischer Herrschaft erhielte, da die ärmeren Juden