Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1849)
- Date
- 1849-09-17
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
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532 es den Juden nicht anders, als der ganzen Nation, von , der, mit Ausnahme geringer Bruchtheile, sich Anfangs Alles der Bewegung hingab, nicht lange darauf aber Viele sich davon trennten, weit ihnen die gemäßigte Linie nicht eingehalten schien. Daß unter den Bewegungsmännern sich viele Juden, namentlich jüngere, befanden, das kann Niemanden in Verwunderung setzen, der die Verhältnisse würdigt. B. Nach dieser Auseinandersetzung wären es die beiden Enden der Juden, welche der Bewegung angehören. Einerseits die edleren Geister, die geistig hochstehenden Elemente unter ihnen, und andererseits eine gewisse Hefe der Schreier, Wichtigmacher und Eitelen. Warum aber die Ersteren gerade dahin getrieben worden, das sehe ich nicht ein. Sie wurden immer geachtet, ja da man sie durch eigene Anstrengung über den Haufen sich erheben sah, achtete man sie um so mehr. Welche herrliche Worte wurden für sie auf dem ersten vereinigten Landtage gesprochen. S. Ja, gesprochen, Herr Baron. Aber wie war es mit der That? Erinnern Sie sich, wie die Herrenkurie ihnen kein Amt überwies, das mit irgend einer obrigkeitlichen, richterlichen oder verwaltenden Funktion verbunden sei, also eben Keines; erinnern Sie sich, wie man in der Drer-Stande-Kurie um dieses oder jenes Zugeständniß schacherte, und ihnen doch nur einzelne Brosamen zuwarf — B. Nun, wollen denn die Juden etwa die herrschende Kaste im Staate werden, und sehen die Staatsämter als ein für sie zu erlangendes Monopol an? S. Sie sind sehr ungerecht, Herr Baron! Beides ist nicht der Fall. Die Juden wissen sehr wohl, daß der Staatsdienst, mit Ausnahme der höheren Stellen, nur arm dotirt ist; sie wissen sehr wohl, daß im Ganzen der Staatsdienst nur den Begüterten offen steht, weil er eine so lange Vorbereitung erfordert, daß der Aermere diese nicht zu bestehen vermag; sie wissen sehr wohl, daß damit, daß ihnen die Befugniß zum Staatsdienste auf dem Papiere eingeräumt ist, in der Wirklichkeit noch sehr wenig gewonnen ist. Uns galt es nur um das Prinzip; wir wollten nicht durch das Gesetz geradezu ausgeschlossen, als eine besondere, weniger der Treue, weniger des Vertrauens würdige Klaffe aus der Gesammtheit hinausgeworfen sein. Daran lag es uns, darum nahm der Aermste und Ungebildetste unter uns denselben Antheil, obgleich er wußte, daß die Frage für ihn persönlich sehr gleichgiltkg sei. Aber man entschied sie anders, und, wenn selbst der vereinigte Landtag einen Schritt weiter gethan hatte, so konnten die Juden die eigentlichen Intentionen der Regierung Betreffs ihrer sich doch nicht verbergen, da diese in ihrem Entwürfe die Juden ganz aus dem Volke hatte herausdcangen, ihnen eigene Stadtverordneten, eigene Schiedsrichter geben, ihre Kinder in bestimmte Schulen zwingen, den Gemeindeältesten eine gewerbliche Polizei in die Hände geben wollte rc. Mußten wir nicht voraussetzen, daß bei solchen Absichten auch einige gedruckte Paragraphen zu unseren Gunsten in der Wirklichkeit Nichts nützen würden? Da kann es doch wol nicht verwundern, daß, da das Volk langst diese Ausschließungen aus religiösen Gründen verworfen hatte, wie die zahllosen Petitionen der Städte erwiesen, die Juden eine Veränderung der Regierungsprinzipien, und die Geltung dessen was im Volke lebte, nur gern sehen und begrüßen konnten. Man muthete den Juden wahrlich! eine Selbstverleugnung zu, die gar nicht in der Möglichkeit liegt, wenn man von ihnen fordert, sie hatten sollen Opposition gegen die Bewegung machen, von der ihr eigenes Heil ausging, und zu einer Zeit, wo Niemand mit dieser Opposition sich heraustraute. Davon hat man nun Akt genommen, aber daß ein großer Theil der Juden, ebenso wie aller Bürger, im Laufe der Bewegung sich von dieser abwandte, das will man nicht wissen, und nach dem alten Vorurtheil der Solidarität verurtheilt man sie Alle! B. Sie geben ja aber selbst zu, daß sehr viele Juden auch in der Demokratie beharren, und zwar unter den höherstehenden Geistern! S. Allerdings. Da muß ich Sie aber zuerst noch einmal bitten, die wahre, lautere Demokratie von all den ochlokratischen Auslaufen, von den Emeuten und Straßenputschen des vorigen Jahres zu unterscheiden. Diese haben mit jener Nichts mehr gemein, als liederlich-, entartete Kinder mit ihrem klugen und sittlichen Vater. Dann aber versteht es sich von selbst, daß Denker und gebildete Geister ihre Ansichten in sich durcharbeiten, und dann nicht wie mit einem Kleide, mit jenen wechseln. B. Das erklärt mir aber noch Nichts. S. Nun, der Schlüssel dazu liegt in der Natur der Sache. Ich glaube, die Ansichten, sowol die politischen als religiösen, sind nicht so das unabhängige und selbstständige Werk der Menschen, wie man es gemeinhin annimmt. Im Gegentheil, die Verhältnisse des Menschen von Kindesbeinen an, sein Bildungsgang, seine Erlebnisse rc. wirken außerordentlich auf die Ansichten und