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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-09-10 · Heft 37 (10.9.1849) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 37 (10.9.1849)
Date
1849-09-10
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
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521 und der beiderseitigen Wirkungen wird uns das Folgende noch verständlicher machen. Der reformirte jüdische Gottesdienst hat sich den langstitigen protestantischen allzusehr zum Muster genommen, und steht damit diametral nicht blos dem jüdischen Charakter entgegen, sondern überhaupt unserer Zeit, für die der protestantische Kultus nicht mehr paßt, so daß ein solcher reformirter jüdischer Kultus dieselbe Wirkung haben muß, nämlich die, an Anziehungskraft zu verlieren. Dies zeigt sich noch mehr in den Mitteln, welche man angewendet, und die jenem gänzlich entlehnt sind: die Predigt in ihrer bestimmten Form, den Choral, selbst die Orgel in ihrer hergebrachten Anwendung. Hangt doch gerade die Predigt in ihrem Werthe lediglich von den Gaben und dem Geschick des Redners ab, und stumpft auf die Lange durch den Mangel an Mannigfaltigkeit, der ihr einwohnt, das Interesse ab. Was aber den Grundcharakter des altjüdischen Gottesdienstes bestimmte, war: 1) daß der ganze Gottesdienst das persönliche Verhältniß nicht aufhob, sondern vielmehr ungemein, zuletzt bis zur Entartung, belebte und stärkte. Im protestantischen, und dann im reformirten jüdischen Gottesdienste existirt die Person gar nicht. Predigt, Musik, Agende reprasentiren das Allgemeine, und selbst im Absingen des Chorals geht die Person gänzlich in das Allgemeine auf. Beim protestantischen Gottesdienst kommt es daher gar nicht an, ob und wie viele da sind, das Ganze geht seinen Gang, ob Einer oder Tausende daran Theil nehnehmen. Es ist eben nur etwas Allgemeines, das abgemacht wird im Namen der Ganzheit. Gerade entgegengesetzt der altjüdische Gottesdienst. Hier tritt die Person überall hervor. Das Aufrufen zur Tora, die Mischeberachs sind nur die äußersten Darrhuungen der Persönlichkeit, das beständige Eingreifen der Gemeinde durch Responsen, d'nf-'h, pa, daß der Vorbeter nur die Personen der Gemeinde vertritt, daß die größten Gebetstücke der Gemeinde überwiesen sind, daß jede Person dafür verpflichtet ist, dann die Prozessionen, die Zeremonieen, an denen Jedermann Theil hat, bis auf das unerläßliche Minjan — Alles dokumentirt, daß der Gottesdienst ein persönlicher ist und als Solcher hingestellt und geübt worden. Fragen wir nun, welcher Grundsatz ist der psychologisch richtige? so werden wir uns auf die Seite des altjüdischen stellen müssen. So sehr derselbe auch zu Auswüchsen Veranlassung giebt — wir wissen dies sehr gut — so ist doch einerseits die ganze Religiosität eine subjektive; wir bekennen den persönlichen Gott, d. h. den außer- und überweltlichen, der mit der Welt nicht ein und dasselbe ist; wir erkennen ein Verhältniß jedes einzelnen Menschengeistes zu Gott, und Gottes zu jedem einzelnen Menschengeiste an; und der Gottesdienst hat vorzugsweise zum Zwecke und Inhalt, dieses Werhalrniß zu Gott in jedem Einzelnen zu starken und zu beleben. Da nun wieder das persönliche Verhältniß, die Bedeutung der Person aufheben wollen, vernichtet den Zweck und den Inhalt des Gottesdienstes zum größten Theite. Andrerseits bleibt es einmal menschliche Anlage, nennet es Schwäche, persönlich interesfirt zu sein, eine persönliche Geltung zu haben; wer will es aber verkennen, daß, was den Menschen interessiren und fesseln soll, auch auf den ganzen Menschen berechnet sein muß? Um nur ein einzelnes Faktum zu berühren: wie haben das Aufrufen zur Tora bei jedem Familienereigniß, das Kaddischsagen bei Todesfällen und am Jahrestage nicht an den Gottesdienst gefesselt, zu ihm hingeführt?- Die Bedeutung dieses Unterschiedes hat sich denn auch hinlänglich durch die Klage bewahrheitet, daß beim reformirten Gottesdienste die Gemeinde viel zu wenig beschäftigt werde. Man hat ihr Stillschweigen auferlegt durch das alleinige Rezitkren durch den Vorbeter, Stillschweigen im Gesang, indem man sie durch die Chöre beseitigte — das halt auf die Lange nicht Stich. Ich habe einmal einem Gottesdienste in der Synagoge zu D. beigewohnt, wo ich durch vier Stunden hindurch zu schweigen und zu hören verurtheilt war — .es war mir unerträglich, ich ging nicht wieder hin. 2) Die altjüdische Synagoge war nicht blos Ort der Erbauung rv% sondern auch der Belehrung ms izn-paln, und das in älterer Zeit viel mehr, als in der spätern, wo zuletzt eine seltene mrm über Spitzfindigkeiten mit Disputatorien an die Stelle trat. Allerdings hatmdie reformirte Synagoge die Predigt ausgenommen, und wir verkennen den Werth derselben durchaus nicht, ja, wir wissen, daß die Predigt jetzt der ganze Lebensmittelpunkt der Synagoge ist. Allein volles Ersatzmittel ist sie nicht. Die Predigt in ihrer jetzigen Gestalt hat offenbar schon etwas UeberlebteS. Daß sie zu aller Zeit eben nur die Auslassung eines und desselben Redners ist, daß sie sich allein in dem metaphysischen und moralisirenden Elemente bewegt, daß sie in ihrer Form einseitig, in ihrem Tone allzusatbungsreich, kurz monoton an Inhalt, Sprache und Form ist — das muß ihr auf die Länge die Bedeutung nehmen, ihre Kraft schwächen.

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