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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-09-10 · Heft 37 (10.9.1849) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 37 (10.9.1849)
Date
1849-09-10
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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520 Von der Saale, 2. September. Vom Kultus. Auf die Gefahr hin, manchem Ihrer Leser absurd zu erscheinen, was meinen „Kreuz- und Querzügen" ja auch passirt sein soll, gestatten Sie mir wol, mich mit einigen Worten einmal auszusprechen über Punkte, die mir zu wenig in's Auge gefaßt zu werden scheinen. Es ist bekannt, daß von den meisten Orten her, wo eine Reform des Gottesdienstes in Angriff genommen worden, nach nicht gar zu langer Zeit die Klagen ertönen, daß trotz der Reform die Theilnahme am Gottesdienste nicht gewachsen, vielmehr noch vermindert sei. Anfänglich übte der Reiz der Neuheit seinen Zauber aus, und es zeigte sich Befriedigung, ja Begeisterung — aber nicht lange, so war dieser verschwunden, und die alte Gleichgiltigkeit trat wieder hervor. Man schritt dann in den Reformen wieder weiter vor, aber das zog schon weniger. Kurz, die Anfangs am Eifrigsten waren, ließen verzweifelnd die Hände in den Schooß sinken. Diese vielfach sich wiederholende Erscheinung bringt uns zu mehrfachen Beobachtungen. Zuerst werden wir dadurch die Nothwendigkeit der Reformen nicht um's Geringste geschwächt Ansehen. Bleiben auf dem alten Fuße konnte es durchaus nicht, wollte man nicht bald die Synagoge allen Zusammenhang mit der Gegenwart verlieren sehen. Das Weck der Reformen ist also darum, daß die Betheiligung am Gottesdienste durch dieselben nicht erwünschterweise allzugroß ward, dennoch kein vergebliches. Wir müssen uns vielmehr fragen, was würde geschehen, wenn gar keine Reform eingetreten? Alsdann werden wir zwar einsehen, daß der Grund des Mangels an großer Theilnahme überhaupt darin liegt, daß der moderne Mensch zu wenig gottesdienstliches Bedürfniß hat; die alteBerpflichtung, am Gottesdienste sich zu betheiligen, wie sie unsere Vater trugen, ist nicht mehr vorhanden, und so wird der jetzige Mensch zu wenig zum Gottesdienste getrieben. Jndeß werden wir doch auch drittens begreifen, daß eine wesentliche Schuld auch in den Reformen selbst liegen muß, daß diese eine Richtung eingeschlagen haben müssen, welche auf die Lange nicht Anziehungskraft genug auf die Personen ausübt. Mein Gott, der Gottesdienst kann ja nicht einem ewigen Wechsel, der immer was Neues herbeischaffen soll, unterliegen. Er muß in sich Elemente tragen, welche auch in ihrer Stabilität ihre Herrschaft dauernd ausüben auf den Glaubensgenossen. Um nun hierin etwas klarer zu schauen, müssen wir einmal auf den Gottesdienst der alten Synagoge zurückblicken. Derselbe hat so viele Jahrhunderte die Israeliten gefesselt und befriedigt, daß man seine innere Gestalt, seine tiefer liegende Anlage doch durchdenken muß, um sich verständlich zu machen, wie so es ihm gelang, seine Betheiligten so lange hindurch zu fesseln, und inwiefern er im Grundcharakter von den bisherigen Reformen sich unterscheidet. Wir müssen dabei hinwegsehen von der Geschmacklosigkeit, von der Rohheit, zu denen er in den letzten Jahrhunderten ausartete, weil eben diese nur das Akzessit der spätem Zeit waren. Man hat sich viel zu sehr gewöhnt, verächtlich auf den alten Kultus zu schauen, und die neueren Reformen als große Vorzüge enthaltend zu rühmen, als daß man nicht jetzt, nachdem die Erfolge sich überblicken lassen, vorurtheilsloser daran gehen sollte. Wie gesagt, man denke nur nicht, daß ich das Schreien, Schwatzen, Hinein- und Hinauslaufen, die ganze wilde Unordnung des alten Kultus vertheidigen wollte, auch nicht, daß ich überhaupt meine, der alte Kultus könnte so, wie er war, wenn erst das Schreien und Schwatzen und die ganze Unordnung entfernt ist, erhalten werden. Durchaus nicht. Nur daß ich ebenso wenig glaube, daß die Reformen, wie sie bis jetzt angestrebt worden, haltbar sind und irgend Dauer versprechen, mag auch der Eine an die Zwischenstufen des reformirten alten Kultus, oder der Andere an den völlig andern Kultus der berliner Reformgenossen dabei denken. Das Rechte haben sie Alle noch nicht getroffen. Hier fällt uns nun zuerst auf, daß, während der alte Gottesdienst an einer Fülle von Beweglichkeit litt, daß gewissermaßen aus ihm jede Etikette, jeder Anstand, jede Zurückhaltung des Einzelnen gewichen war: der reformirte Gottesdienst einer unendlichen Steifheit, einer langweiligen Etikette, welche den Anwesenden in jeder Bewegung ängstlich überwacht, huldigt. So wie jener dadurch jedes Gefühl von Anstand verletzt, jede Erhebung der Seele unmöglich macht, so kann man. auch nicht leugnen, daß dieser seines Theiles durch die pedantische Förmlichkeit den Geist befallt und abspannt. Wie jener aller Würde entbehrt, so hat dieser dem Gottesdienste ein Uebermaß von steifer Würde, eine Hofmanier imputirt, daß man wirklich meint, es säße da ein König auf dem Throne, angethan mit Krone, Zepter, Hermelinmantel, der jeden Anstoß gegen das vorgefchriebene Hofzeremoniell gewaltig übel nimmt. Diese Beobachtung des ganz verschiedenen Aeußern

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