Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1849)
- Date
- 1849-09-10
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
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519 Erleichterung schafft, so werden die Folgen die traurigsten sein. Sicher wird einem Lande wie Ungarn, das an Verkehrsmitteln noch nicht reich ist, der Untergang eines großen Theils der Tragerschaft des Handels und Verkehrs nur ein Hinderungsmittel mehr, sich wieder zu erheben, sein. Allein damit ist die Lage der ungarischen Juden noch lange nicht zu Ende gezeichnet. Unter der Einwirkung der Kriegesschrecken mußten schon die Gemeinden an sich der Auflösung vielfach anheimfallen. In Folge der unerschwinglichen Kontributionen zerfallen diese gänzlich — und Abfall und Untreue am väterlichen Glauben ist bei dem an sich leichtsinnigen jüdischen Ungar an der Tagesordnung. Wie in den Tagen der Verbannung aus Spanien mehrt sich der Abfall von Tag zu Tage, und, wie Berichte aus dem Lande uns lehren, könnten von den 250,000 Israeliten in Ungarn wol 50,000 zur Taufe schreiten. Von selbst versteht es sich, daß e6 die vermögenden Juden sind, die durch diesen Schritt den Kontributionen entkommen wollen, und die Last wälzt sich um so mehr auf die Schultern der Getreuen und AuSharrenden. Bei solchem allgemeinen Unglück verschwindet eine unendliche Kette von Privatunglück. Der raaber und karlsburger Rabbiner sind gefallen, der pesther Rabbiner (Schwab) ist im Gefängniß, von Löw aus Papa weiß man Nichts mehr. Jndeß berichtet der „Lloyd", daß Schwab seine Unschuld zu erweisen im Stande war. Die übrigen Rabbinen irren meist umher, von ihren Sitzen geschleudert, da die Gemeinden kaum noch sind. Wehmuth ergreift jedes fühlende Herz bei solchen Berichten und Zuständen. Fürwahr, wir wissen, die Zähigkeit und Lebenskraft des israelitischen Stammes ist groß. Au viele Stürme sind an ihm vorübergezogen, und wenn sie auch von Zeit zu Zeit mächtige Glieder loszureißen vermochten: die Wurzel bleibet bestehen, und ein neuer Frühling treibet wieder saftceiche Schößlinge daraus hervor. Aber machen wir es uns klar. Das gesammte Judenthum steht, nicht erst seit gestern, sondern seit langer Zeit, in einer großen Krise. Ein Uebergang vom alten, talmudischen und rabbinischen Judenthum zu einem neuzeitigen findet statt. Solch ein Uebergang, der in den Grundvesten des Systems wühlt, so gefahrlos er für Menschen von konsequenten Prinzipien, von tiesinnerlicher Anschauung ist, so gefährlich ist er für die große Masse, die äußeren Anstößen und oberflächlicher Betrachtung folgt, und noch dazu für eine Masse, die doch überall nur eine Minorität ist. Dieser Uebergang liegt in der Natur der Sache, in der geschichtlichen Entwickelung, er war und ist unvermeidlich, keine einzelnen Personen haben ihn herbeigeführt, sondern der Lauf der Geschichte; vielmehr sind die anzuklagen, welche durch Entgegenstemmen ihn aufzuhalten suchten, und dadurch das Urtheil der Menge verfälscht, oder doch getrübt haben, und die Männer, welche den Uebergang zu vermitteln und ihn geistig auszuarbeiten sich bestrebten, um der Masse einen dauernden Halt und einen geebneten Pfad zu bereiten, sind voll Verdienstes. Aber verhehlen wir es uns nicht, daß es gefährlich steht, verhehlen wir es uns darum nicht, damit die Einsichtsvollen immer mehr alle Kräfte aufbieten, um durch Lehre und Beispiel die Erkenntniß und die Erkenntnißtreue in Israel zu stärken und zu kräftigen, daß die Gefahr glücklich Überstunden werde! Werfen wir einen Blick in die größere Weite, so stehen wir nicht an zu sagen, daß wir von den Vorgängen in Ungarn einen Rückschlag auf die Juden anderer Lander fürchten. Ist der Grundsatz völliger Glaubensfreiheit schon so fest gewuczelt, schon so über alle Zweifel und Angriffe hinweg, daß er unantastbar sein wird? Oder wird er zu den Grundsätzen der Revolution gerechnet werden, die mit dieser wieder zurückgedrängt werden müßten? Ueber diese Frage sind wir nicht hinaus, wir stehen vielmehr dicht vor ihr. Die Zeit, die sie beantworten wird, ist nicht mehr allzufern. Man erinnere sich der Solidarität, in die man alle Juden hineinzubringen seit alter Zeit gewöhnt ist. Man erinnere sich der Vorwürfe, die man aller Orten vorsorglich auf die Juden zu häufen sich bemüht hat. Wir wollen wahrlich! das Herz nicht beschweren, aber wir sind gewohnt, den Dingen klar rn's Auge zu blicken, und erschräken wir auch davor. Den Glaubensgenossen in Ungarn wollen wir aber allerdings die Thräne des Mitgefühls nicht verweigern. Als im vorigen Jahre die Bewegung sicherhob, wie fuhr der Pöbel auf die Juden los, welche Orgien wurden Ln Preßburg, in Pesth und hundert ungarischen Orten auf Kosten der Juden gefeiert! Und jetzt treffen die Folgen des ungarischen Kampfes sie am Härtesten, und bereiten ihnen schweres Verderben!