Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1849)
- Date
- 1849-08-27
- Page
- Seite 494 (sequence 6)
- Language
- German
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494 Staatsform zugcneigt sein müssen, hier sehr geringe ist; vorausgeschickt für die Nichtjuden, daß so wie es unter uns verschiedene Nasen, Stimmen, Hare und Geschmäcke, so auch verschiedene politische Gesinnungen und Richtungen giebt — ergiebt es sich ganz von selbst, daß Nichts verkehrter und widernatürlicher sein kann als die oben angedeulete Annahme. Freilich ist der Jude im Allgemeinen der alten Ordnung nicht gewogen, die nicht allein ihn bedrückte, sondern die hier so verheddert war, daß selbst bei wirklichem, innerhalb gewöhnlicher Grenzen sich bewegendem guten Willen ein Durchbruch fast unmöglich war; allein von da ist noch ein sehr weiter Weg bis zum systematischen Radikalismus, der überhaupt in dieser Stadt kaum existirt. Hält aber die Furcht vor der Rückkehr des alten Regime's den größten Theil der Juden auf der Seite der Verfechter der neuen Verfassung, so mangelt cs nicht an Juden, die durch Gesinnung, durch gesellschaftliche Stellung und durch sonstige Verhältnisse Aristokraten sind, und noch weniger an solchen, die aus Bornchmthuerei den Aristokratenmantel umhängen. Bisher haben nur etwa 400 Juden das Bürgerrecht genommen, da sie in dem gegenwärtigen Provisorium, so lange unsere Kommunallastcn noch nicht von uns genommen sind, die Wahl haben, Bürger zu werden oder nicht. Diejenigen namentlich, denen das Bürgergeld (20 bis 35 Thaler) nicht gleichgiltig ist, wollen warten, da sie — nach meiner Meinung sehr vergeblich — auf Ermäßigung des Preises hoffen. Viele erklärten anfänglich, warten zu wollen, bis statt des Eides bei dem wahren Gott Adonai die allgemeine (altjüdische) Formel „so wahr mir Gott helfe" eingeführt wäre: dies ist nun seit dem 17. Juli geschehen, ohne daß sich seitdem eine größere Zahl gemeldet hatte. Ein Punkt in unserer neuen Verfassung, über den viel polemisirt wird, ist die grundrechtliche Bestimmung, daß die Schule der Aussicht der Geistlichkeit als Solcher entzogen sein und daß der Religionsunterricht Sache der einzelnen Religionsgesellschaften sein soll. Daß in dieser Kontroverse der Name Jude recht fleißig vorkommt, und daß häufig auf den jüdischen Gesetzmacher gestichelt wird, versteht sich am Rande. Natürlich stehen die jüdischen Lehrer in dieser Frage durchgehends auf der liberalen Seite; denn bei uns sind alle diese Fragen längst faktisch gelöst. Unsere Schule — die doch wahrlich seit zwei Generationen der schönsten Erfolge sich rühmen kann, hat nie mit der Kirche offiziell Etwas zu schaffen gehabt und zwar weder mit der Staatskirche, noch mit den Rabbinen als Solchen. Noch mehr: unsere Kinder, zumal unsere Töchter mit sehr geringen Ausnahmen, haben christliche Schulen besucht und dort an keinem Religionsunterrichte Theil genommen, und die innere Religiosität hat dadurch gar nicht, die äußere aber, obgleich so oft gegen das Weltleben anrennend, hat ebenfalls dadurch nicht gelitten. Wir stehen in gegenwärtigem Augenblick (erste Augustwoche) hier auf der Warte. Die neue Verfassung, welche von unserer konstituirenden Versammlung legal und endgiltig beschlossen ist, müßte nunmehr eingeführt werden; allein die Partei, die den Namen der konservativen usurpirt, obgleich sie blos ihr eigenes Uebergewicht, nicht aber die alten Staatsprinzipien konserviren will, widersetzt sich. Die Sache steht nun so, daß unsere neue Verfassung, die wie alles Menschliche nicht fehlerfrei, aber eine zeitgemäße Akkomodation ist, nur durch offene Gewaltthätigkeit und Verräthcrei beseitigt werden kann. Wir dürfen hoffen, daß von uns Juden, gleichviel welcher politischen Gesinnung, Keiner zu der Partei gehört, die damit umgehe, unsere Stadt zu verkaufen, und so den Fluch der Mit- und Nachwelt auf sich zu laden; dann möge kommen was da wolle, dessen sind wir sicher: hier wie überall, wie in Holland, wie in Ungarn, wie in Dänemark, wie in Holstein — werden die Juden immer auf der Seite der Vaterlandsfreunde ihren Platz nehmen. Hinsichtlich unserer Religionsangelegenheiten ist seit Bernay's Tode nichts Meldenswerthes vorgegangen. Gleich am Todestage wurde ein alter braver Rabbiner, Herr Isaak Metz, provisorisch für die Rabbinatsfunktionen ernannt und ein junger Rabbiner, Herr Gottlieb Moses, zu seinem Adjunkten. An Bernays Grabe redete Letzterer, nachdem die Hauptrede don dem altonaischen Rabbiner Herrn Ettlinger gehalten war. Herr Ettlinger hielt dann auch, auf Ansuchen des Gemeindevorstandes, die Trauerrede (Hesped) in der hiesigen großen Synagoge: beide Male gedachte er der langjährigen und innigen Freundschaft, diezwischen ihm und dem Verstorbenen geherrscht habe. Auch die portugiesische Gemeinde, hielt einen sehr feierlichen Hesped nach ihrem Ritus, mit vollen schwarzen Dekorationen, Katafalk, Chorälen rc., was in seiner