Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-08-20 · Heft 34 (20.8.1849) · p. Seite 487

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 34 (20.8.1849)
Date
1849-08-20
Page
Seite 487 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225641--10411-3240460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

487 Eure Aufmerksamkeit; ich werde Euch in das Geheimniß meines Lebens einweihen. Ich besitze ein ungeheures Vermögen; es ist die Frucht meiner Arbeit und meiner Ersparnisse. Im Alter von 20 Jahren trat ich in das Seminar ein, um mich den Studien und dem nachdenkenden Leben zu widmen. Nach den Vorschriften meiner Religion bildete ich mein Herz und beschloß, mich meinen Mitmenschen zu weihen; möge Euch dies nicht verletzen; ich befolgte dadurch die Lehren des Meisters, welchen viele Christen nicht begreifen, den viele beleidigen, anstatt ihm zu dienen. Alle meine Arbeiten, alle meine Gedanken, alle meine Handlungen hatten nur den einen Zweck, Bildung zu verbreiten in meinem Varerlande und zur Verbesserung des Looses der unglücklichen Bauern beizutragen. Ihr kennt die Fcohnden, Ihr wißt, in welcher elenden Lage sich die arbeitsamen Bebauer unserer Felder befinden; um ihren Geist zu erleuchten, um ihren von Elend erschöpften Körper wieder zu beleben, um sie zu erheben, zu starken, um sie Gott und den Menschen würdig zu machen, deshalb bin ich geizig gewesen. . . . Was ist ein solches Dorf jetzt? fragte ich mich; ein Stück Landes, wo Hunderte von Leibeigenen für einen Edelmann arbeiten, welcher inmitten der allgemeinen Unwissenheit und des allgemeinen Elendes weder aufgeklärt noch reich genug ist. Ich beschloß, meinem Vaterlande ein gemeinsames Muster darzubieten, ein Dorf, wo es keine Leibeigenen gäbe, wo Jeder für sich selbst arbeitete, seinen eigenen Garten, seine Wiese, seine Werkzeuge besäße; dort wollte ich eine Gewerbeschule für die Kinder errichten, eine gegenseitige Hilfskasse für Unglücksfalle, ein Asyl für die Kranken und Greise stiften. Ich hatte Millionen nöthig, um Ländereien zu kaufen und Gebäude zu errichten; ich habe sie jetzt; der Boden ist gekauft, die Hauser sind erbaut und meine Bauern, heute noch Leibeigene, werden morgen frei sein. Die Stadt Hrubi escow mit ihren fruchtbaren Aeckecn wird ihr Eigenthum sein *). Ihr glaubt vielleicht, daß ich mich damit begnüge? Ihr irrt Euch; gestern war ich noch mit diesem Ziele zufrieden; aber seitdem ich Euch begegnet bin, nach jenem Stücke, welches Euch so sehr ergriffen hat, nach unsrer Unterredung und nachdem ich mich habe von dem weisen Stern unterrichten lassen, habe ich begriffen, daß ich noch lange nicht meine volle Pflicht gethan haben würde. Ich versuchte die soziale Ungerechtigkeit zu heilen, indem ich den Adel aufklärte und die Lage der Bauern verbesserte; ich habe noch Nichts gethan, um die religiöse Ungerechtigkeit zu beseitigen, jene Intoleranz, welche nicht in unser Jahrhundert gehört, und die auch nicht aus den Lehren Christi entspringt. Wenn ich Euch daher rufen ließ, so geschah es, um Etwas für diese große Sache zu thun, der Andere, die glücklicher sind als ich, ihr Leben und ihr Vermögen widmen werden. Saget mir, warum wollen die Israeliten nicht das Land bebauen? Wer hat dies behauptet, gnädiger Herr? antwortete Moschele, welcher ansing, über diesen großen Mann besser zu denken. Man hat ihnen Land angeboren, und sie haben es zurückgewiesen. Das heißt, man wollte Leibeigene aus ihnen machen; die Frohnden haben sie zurückgewiesen, nicht den Landbau. Und wenn man ihnen theilweis unbebaute Ländereien gab, konnte ein Jude im Alter von 50 oder 60 Jahren ein Geschäft betreiben, von dem er Nichts versteht? Das ist richtig: ich verstehe. Wenn man demnach jungen Juden die Mittel anböte, ein Geschäft zu erlernen wenn man ihnen zugleich genügende Kapitalien gäbe, um ihre Kenntnisse wirksam zu machen, wenn man endlich für sie den gesetzlichen Schutz der Regierung erlangt, so wäre dies der erste Schritt zu jener Emanzipation, die das Ideal Eures Lebens ist. Ach! gnädiger Herr, rief Moschele, welches Glück bieten Sie uns dar; welche Segnungen, welchen Dank!... Es ist gut. Könnt Ihr mir jetzt diejenigen unter Eueren Weisen bezeichnen, welche die Gerechtesten sind und die mich in diesem Unternehmen unterstützen könnten? Was denkt Ihr von Abraham Stern, von Morgenstern, vom Rabbi Askinazy? Sie sind die Sterne Israels in Polen. Kann ich ihnen die Ausführung meines Gedankens anvertrauen, werden sie über der Verwirklichung meines Projektes wachen? Mit vollem Vertrauen, gnädiger Herr. Wartet also, bis ich sie habe kommen lassen. .. . Ach! die Zeiten der Strafe waren noch nicht vorüber; der Augenblick der Befreiung war noch nicht erschienen! Staszic näherte sich dem Tische, auf dem die Schelle stand; er will den Diener rufen ... da wanken seine Glieder, sein Blick verdüstert sich, eine Ohnmacht, ähnlich der, welche er Tages vorher beim Verlassen des Theaters gehabt hatte, erfaßt ihn. Sara und Moschele leisten ihm alle nur mögliche Hilfe, als handelte es sich um ihr ganzes Geschlecht, als handelte es sich um das Heil Israels. *) Geschichtlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.