Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1849)
- Date
- 1849-08-20
- Page
- Seite 486 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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486 zum Palaste des Ministers. Mehrere Wagen rollten Ln den Hof und verschwanden bald darauf. Der Thürsteher kündigte ihnen an, daß der Herr beschäftigt sei und keine Besuche annähme; einige Würdenträger, hochgestellte Beamte, Senatoren und Generäle hatten dieselbe Antwort erhalten. Der Bescheid war nicht zu andern. Laß uns gehen, sagte Sara. Ohne Zweifel hat der Minister das Versprechen des Kranken, dem wir gcholfen, vergeffen. Wie sollen wir zu ihm dringen, wenn Senatoren und Generäle abgewiesen sind? Sie verließen bereits den Hof des Palastes, als der Bediente sie zurückrief, um ihnen zu melden, daß der Minister sie erwarte. Moschele, glücklich, trunken vor Freude, ordnet seine Haare, reinigt noch einmal seinen Hut und seine Kleider; kaum wagt er die Füße auf die Marmorplatten zu setzen; in jedem Augenblick lauft er Gefahr zu fallen, indem ec auf dem geglätteten Fußboden des Saales ausgleitet, in welchem sie Beide auf den Wink des Ministers warten mußten. Staszic, welcher gewöhnlich nur 5 bis 6 Stunden schlief, war heute zu einer noch etwas frühem Stunde aufgestanden. Er hatte sich die Verordnungen betreffend die Lage der Israeliten in Polen bringen und den gelehrten Abraham Stern kommen lassen, damit er ihn über eine Sache ausklare, welche er bisher vernachlässigt hatte. Seine Seele betrübte sich beim Anblick der Gesetze und Verordnungen, welche von Vorurtheilen und Intoleranz strotzten. Hier fand er das Verbot, die größeren Straßen der Hauptstadt zu bewohnen, und Grundeigenthum zu erwerben; dort Auflagen, die nur auf den Israeliten lasteten; Auflagen auf Lichter, Auflagen auf die Nahrungsmittel, Auflagen sogar beim Eintritt in die Hauptstadt oder beim Verlassen derselben; keine einzige schützende Verordnung, kein einziges wohlthätiges Gesetz. Seine Unterredung mit dem weisen Stern hatte ihn noch mehr mit all' den Ungerechtigkeiten bekannt gemacht, welche aus den Sitten und Vorurtheilen des Volkes herstammen. Der ordentliche und arbeitsame Jude kann nicht einmal ein Handwerk, sei es welches es wolle, ausüben. Die Konkurrenz und der Neid der christlichen Einwohner treten mit ihnen in einen ungleichen Kampf, den sie nicht auszuhatten vermögen. Staszic sieht endlich ein, daß jene Voraussetzung von dem unglaublichen Reichthum und dem Ungeheuern Vermögen der Israeliten ein bloßer Jrrthum ist; daß die Masse die Ausnahme für die Regel hält, indem sie nicht daran denkt, daß es neben drei oder vier einzelnen Millionärs Millionen von Menschen unter ihnen giebt, welche in dem tiefsten und erniedrigendsten Elende leben. Sein Herz betrübt sich, sein Geist arbeitet; er berechnet, welch' großen Dienst derjenige dem Lande erwiesen haben würde, welcher einen so beträchtlichen Theil der Einwohner zu heben und nützlich zu machen versucht hätte. Er bedauert die verlorene Zeit, um so mehr als er sich bewußt ist, daß seine geschwächten Kräfte ihm nicht erlauben werden, ein so mächtiges Werk zu vollenden. Er entließ soeben den gelehrten Stern, als der Bediente Sara und Moschele anmeldete. Die Freude glanzte in den Augen des Greises; er erhob sich und lud das junge Mädchen und den armen Juden zum Sitzen ein, welche wenig an eine solche Zuvorkommenheit, namentlich von einem Priester, einem Adligen und einem Minister gewöhnt waren. Ihr habt Recht gelhan, daß Ihr Euer Versprechen haltet, sagte er, ohne ihnen Zeit zu lassen, sich bei ihm zu bedanken. Meine Zeit ist kostbar; höret mich. Neulich habe ich durch das Vertrauen, welches Ihr mir bewiesen habt, Eure Entbehrungen und Euer Unglück kennen gelernt; erlaubt mir, daß ich sie beendige. In dieser kleinen Rolle werdet Ihr 50 Goldstücke finden, mit denen Ihr, solltet Ihr Euch auch keine sichere Existenz verschaffen können, doch Eure Lage verbessern und das Weitere abwacten könnet. Die Augen Moschele's verschlangen das Gold; er glaubte sich schon reicher und mächtiger, als der König Salomon; aber seine Arme sanken muthlos danieder, als er folgende Worte von Sara vernahm: Ich danke, gnädiger Herr, sprach sie zu Staszic; möge Gott Ihnen Ihr edles Anerbieten vergelten! Aber was nützt uns ein Wenig Gold, so lange wir kein Handwerk, kein Geschäft betreiben dürfen? Ihre großmüthige Gabe würde ja doch nur die Katastrophe hinausschieben, die uns bedroht. Uebrigens, gnädiger Herr, deuten Sie meine Weigerung nicht falsch; bis auf diesen Augenblick habe ich, so unglücklich ich war, stets von meiner Arbeit gelebt; ich hoffe, daß Gott mich auch fürder nicht verlaßt. Der geizige Heuchler, dachte Moschele bei sich, wußte, daß sie das Geschenk zurückweisen würde; deshalb hat er es ihr angeboren. Ich habe mich in Euch nicht getäuscht, antwortete Staszic; Euer Herz ist ebenso edel, als Euer Geist gebildet. Ihr verdient mein ganzes Vertrauen; schenkt mir