Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1849)
- Date
- 1849-08-06
- Page
- Seite 443 (sequence 3)
- Language
- German
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443 Und dennoch, auch des andern Propheten Spruch ist noch nicht zur Erfüllung gereist. Nein, fröhliche Feste sind diese Tage der Trauer, des Fastens noch nicht geworden, Wonne und Freude ergießt sich aus ihnen noch nicht in unsere Herzen. Denn wenn auch ausgehört, was uns drückte, so ist dock auch noch Nichts erreicht. Ist denn etwa schon erfüllt, was der Prophet als Bedingung hinzufügte: inina DibtDlm naNfr die Herrschaft der Wahrheit und des Friedens? Ist die Menschheit geeinigt in der Erkenntniß Gottes, oder erstehet der Wahn und der Jrrthum nicht immer wieder aller Orten? Ist der Kampf zu Ende, und Recht und Liebe führen das Zepter, oder ist die Wuth der Leidenschaften nicht erst recht wieder entfesselt und entflammt? Ich frage Euch: wer kann jetzt ein fröhliches Fest feiern? ich frage Euch: wem leber jetzt Freud' und Wonne in der Brust? Oder ist nicht überallhin der Blick voll Sorge gerichtet? Heget nicht jedes Herz jetzt mehr der Enttäuschung und Nichtbefriedigung in seinen Kammern als je? Sind wir nicht Alle alt geworden in einemJahre, alt an Muth und Zuversicht, an Hoffnung und Aufschwung, daß wir ausrufen mit dem Propheten (Hosch. 7, 9.) rn; a'b fcnsrj ia „Greisenthum ist ihm auf's Haupt gesprengt, und er merkt es nicht"? Nein, noch hat Israel Nichts erreicht, noch ist dieser alte Pilger nichts sein Ziel gelangt, noch ist der Wirbelwind der Menschheit von der Stimme seiner Friedensbotschaft nicht übertönt, darum noch nicht NllV'' ma^n Fm?a „der Lehrer gehüllt in Segnungen", aus dem Tage der Trauer kein fröhliches Fest geworden. II. Nichts ist erhebender, m. Fr., als den Gedanken Gottes nachzuspüren. Den Schöpfungsgedanken in der Natur, den Versöhnungsgedanken in der Geschichte der Menschheit. Dazu freilich müssen wir uns hoch erheben und nicht über Jahrzehende, sondern über Jahrtausende blicken. Dazu müssen wir von" der Ueberzeugung, daß Gott die Geschicke der Welt ordnet, völlig durchdrungen sein. Dann werden die Ereignisse nicht blos Wirkung gewisser Ursache und Ursachen nachfolgender Wirkungen sein, sondern eine ganze Kette von Ereignissen wird einen selbstständigen Gedanken des Weltschöpfers ausmachen, den wir eben zu erforschen und zu begreifen ringen. Nun, fürwahr, m. Fr., dann muß diese Erhaltung Israels nun bald zwei Jahrtausende nach dem Falle Jerusalems, diese Erhaltung, wie sie einzig in der Weltgeschichte dasteht, wahrend alle Völker des Alterthums untergegangen, einen bestimmten Gedanken Gottes in sich tragen. Und ferner: welche Erhaltung! In der Zerstreuung über die ganze Erde, unter alle Völker, ohne Mittelpunkt, ohne Macht, hingegeben allen Stürmen und Stößen — diese Erhaltung muß einen bestimmten Gedanken Gottes in sich tragen. Und ferner: womit diese Erhalrung verbunden war! Bis vor einem halben Jahrhundert mit den maßlosesten Mißhandlungen, im Staube der Erde, ob auch mit einer Krone des Geistes — und seit einem halben Jahrhundert in Freiheit und Gleichheit; bis vor einem halben Jahrhundert mit völliger Ausschließung aus der übrigen Menschenwelt — und seit einem Halden Jahrhundert im Aufgehen in die übrige Menschenwelt: solchartige Erhaltung muß einen bestimmten Gedanken Gottes in sich tragen. Wenn aber die Erhaltung Israels, dann muß auch der Fall Zions, der Untergang des selbstständigen Israels einen bestimmten Gedanken gehabt haben; er kann nicht blos eine Strafe für eine Verschuldung, für sittlichen Verfall gewesen sein, sondern hervorgehen aus bestimmten Zwecken Gottes.... Und welche waren nun diese Gedanken? M. Fr.! In dem Geschicke jedes Volkes, zumal aber in dem eines solch immer dauernden Volkes, wie Israel, gewahren wir große Wendepunkte, von denen aus wir leichter den Zweck der Vorsehung erkennen. Es war der erste Wendepunkt Israels, als es aus Egypten geführt, mir Lehre und Gesetz ausgerüstet, und in das heilige Land versetzt ward. Da sollte es die Gorteslehre wahren und wahren, bis daß diese ansangen würde, überzugehen in das Leben der Menschheit. Dann aber war Jerusalem schon einmal gefallen und Israel in die Verbannung geführt worden, nach Babel, jedoch wieder zurückgekehrt zu abermaligem Bestände auf sechs Jahrhunderte. Es war dies kein entscheidender Wendepunkt des Geschickes; nur innerlich von großer Bedeutung: denn von dieser Rückkehr aus Babel an schaarte sich Juda eng um den einigen Gott und seine Lehre, und entfernte sich nie wieder hiervon. Erst von da an lebte das ganze Volk seiner Bestimmung. Ein Anderes aber, als Jerusalem zum zweitenmale durch das Schwert des Römers siel. Dies war der zweite große Wendepunkt. Fortan lebte Israel in zahllosen kleinen Gemeinden unter allen Menschenvölkern. Warum? Einen Theils allerdings gerade um bestehen zu bleiben. Denn wie hatte es sich erhalten können, das winzige Völkchen vor dem Ungeheuern Völkerdrange und dem