Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1849)
- Date
- 1849-08-06
- Page
- Seite 442 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225606-3225639--10364-3240411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
442 bauten, und dann sich niederlegten? Ist denn Eines geblieben, was aufgerichtet worden. Eines nicht zerfallen, was gezimmert worden?... Und wie? sind wir, wir nicht selbst das Grab unserer vergangenen Tage . . . o, wir können es uns aufzählen: denn schon der Jüngling ist das Grab der fröhlichen, sorglosen Kindheit, und sehnet sich oft in die Tage der Schule und an die Hand der Mutter zurück; und der Mann ist das Grab all der hochaufgerichteten Hoffnungen, all der kühnen Strebungen der Jugend; und der Greis ist Nichts als Trümmer, Trümmer besten, was er gewesen, was er gekannt, was er gewollt, was er gethan.. . . Aber, m. Fr., wir haben den Trost dicht daneben. Es ist ja eben Nichts um die Geburt oder den Tod. Es hat das Geborenwerden an sich keinen Werth und das Sterben keine Bedeutung. Allein was dazwischen liegt. Mag immerhin wieder zerfallen, was gebaut wird, wenn nur gebaut wird; mag es kurze oder lange Zeit bestehen, was wir schaffen, wenn wir nur schaffen. Des Menschen Bestimmung und Verdienst und Werth liegt allein darin, daß er baue, daß er schaffe. So wie es der Natur gleichgiltig ist, daß was sie hervorgebracht, vermodere oder verzehrt werde, sondern es ihr allein auf das Hervorbringen ankommt, und sie im immer wieder Hervorbringen ihre ewige Jugend, ihre Dauer hat: so auch beim Menschen. Unsere Vater waren und schufen, wir sind und schaffen. Und wenn wir das Grab unserer Vergangenheit sind, wohl dem, der eine Solche hat, eine recht würdige und inhaltvolle, wohl dem, der Etwas zu betrauern hat, denn bei der Trauer acr* „ist das Herz gut" (Koh. 7, 3.); nur der ist zu beklagen, der sich sagen muß: ich war Nichts, ich that Nichts, denn dann ist er Nichts und thut Nichts. Und so wir nun heute im Geiste auf den Trümmern Jerusalems stehen, wie diese W, diese Gottesstadt zum ersten Male der Chaldäer, zum zweiten Male der Römer zerbrach, fragen wir: haben wir da Etwas zu betrauern? ist unsre Klage berechtigt? weilt unsre Erinnerung da, und immer wieder da mit Recht? Und wenn wir nun weit davon entfernt sind, einen so eigennützigen Maßstab anzulegen, daß wir nur trauerten, wo wir Etwas verloren, was wir gern hatten und was wir brauchten; und nicht mehr betrauern, woraus wir doch keinen persönlichen Vortheil ziehen könnten: so stellt sich uns die Frage so: welche Bedeutung hat dieser Fall Jerusalems, dieser Untergang Juda's als Volk und Staat, noch für uns, noch heute für uns? I. Sehen wir uns, m. Fr., in der Schrift um, einen bestimmten Anhalt für unsre Erwägung zu haben, so sehen wir uns zwischen zwei Gegensätze gestellt. Da rufet der eine Prophet uns zu: Jirm. 8, 23. „Wer macht mein Haupt zu Wasser und mein Auge zum Thranenquell, daß ich beweine Tag und Nacht die Erschlagenen der Tochter meines Volkes/' Und der andere Prophet ruft uns zu: Secharj. 8, 19. „Also spricht der Ewige der Heerscharen: das Fasten des vierten und das Fasten des fünften und das Fasten des siebenten und das Fasten des zehnten Mondes wird dem Hause Jehuda zu Wonne und Freude und zu fröhlichen Festen/' Zwei Gegensätze. Und gerade da befinden wir uns. Denn sind wir aufrichtig, bei allem Mitgefühl für den Fall Jerusalems, bei aller Bewegung unsers Herzens für den Untergang unserer freien Nation: wir sind dem doch so weit entrückt, jenes liegt so weit schon hinter uns, und ja, wir sind so festgewurzelt Ln unferm Vaterlanoe, wir sind so lebendige Glieder unsers Volkes, dem rote angehören, geworden, daß wir langst nicht mehr „Tag und Nacht die Erschlagenen Jerusalems beweinen", nicht mehr darob „unser Auge zum Thränenquell" wird. Und um so mehr in unseren Tagen. Ja, aus jenem Falle Jerusalems gingen viele Jahrhunderte der Knechtschaft hervor — aber sie haben geendigt; viele Jahrhunderte des Drucks und der Schmach — aber diese haben aufgehört. Was geschehen ist vor unseren Augen, daß Völker und Fürsten unsere Gleichstellung, unsere bürgerliche und unsere Glaubensfreiheit aussprachen, ja verbrieften: es hat all diese unmittelbaren traurigen Folgen jenes furchtbaren Ereignisses geschlossen. O wohl weiß ich, daß das Wetter noch nicht ganz vorüber; wohl furcht' auch ich, daß diese Gleichstellung noch oft angetastet werden wird, und daß noch in langen Jahren viele Individuen Zurücksetzung und Schädigung um ihres Glaubens willen zu tragen haben werden — — aber im großen Ganzen ist es vollbracht; auch diese leichteren Wolken werden schwinden vor dem Strahle der Sonne, und, da das Joch aus Balken zerbrochen ist, werden die Joche aus Splittern nicht dauern.