Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1849)
- Date
- 1849-07-23
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
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420 das llltnvL gehört. Allein andererseits haben an diesen Glauben, insoweit er dem geschichtlichen Gebiete angehört, sich Vorstellungen und Empfindungen angelehnt, die unserer Zeit ganz fremd geworden sind, ja die sie zum Theile mir aller Kraft der Ueberzeugung abweist. Die ehemalige Stellung Israels neben anderen Völkern hat das Gefühl der VolkSthümlichkeit, das auf seinem eignen Boden seine volle Berechtigung hat, so enge mit seinem Berufe als Glaubcnszeugen verknüpft, daß die selbstständige Votksthümlichkeit auch als Bedingung betrachtet wurde, damit es seine Aufgabe zur Bezeugung des wahren Glaubens erfüllen könne. Die Klage über die verlorne Selbstständigkeit, die Bitte um Wiedererlangung derselben und die Hoffnung darauf, die Hervorhebung des Landes, in welchem Israel ehedem derselben sich erfreut hatte, die Hochhaltung der Einrichtungen, welche mit den damaligen Zustanden, dem Lande und der Zeit angemeffen, verbunden waren, die auf deren Wiedereinführung gerichteten Wünsche und Hoffnungen durchdringen eine große Zahl der sonst reinsten Gebete und machen von anderen fast den alleinigen Inhalt aus. Brauche ich an die Klagen über Zerstreuung, an die Bitte um Sammlung der Zerstreuten in Palästina, um Herstellung des Priester- und Opferdienstes und dergl. erst zu erinnern? Die Freude über eine folche schöne Aufgabe, wie sie Israel geworden, muß ihm die Verpflichtung auferlegen, derselben durch Erkenntniß und Wandel immer würdiqer zu werden; sie würde aber eine durchaus irreligiöse sein, wenn sie dem Gedanken Nahrung gäbe, Zraset sei dadurch ohne weitern Grund und eigne Anstrengung etwas Besseres als andere Menschen, wenn sie zu dünkelhafter Selbstüberschätzung und zur geringschätzigen Betrachtung Anderer führte. Verkennen wir es nicht, daß solche Ansichten in der Vergangenheit herrschend waren und in unseren Gebeten ihren Ausdruck gefunden haben. Wir geben gerne zu, daß Druck und Verachtung von Außen eine solche überspannte Kräftigung nach Innen als Nothwehr erheischte, ja wir raumen es ein, daß die Grenzlinie zwischen dem Hochgefühle , im Besitz eines würdigen Gutes zu sein, und der unedeln Ueberbebung über Andere, die man nicht dabei betheiligt sieht, sehr streng gezogen werden muß, wenn man sich vor dem Jrrthum bewahren will. Allein man hat sich offenbar in unseren Tagen zu der rechten Erkenntniß Hindurchgearbeitet, man ist in Israel fern von jener Selbstgefälligkeit und Verblendung, die ein Fallstrick für die wahre Frömmigkeit sind, und um so mehr müssen daher jene m den Gebeten vorhandenen Ueberreste überwundener Gesinnungen hinweggeraumt werden. Wir können nach wie vor mit Ueberzeugung es aussprechen: „Du hast uns berufen zu Deiner heiligen Lehre", nicht aber: „Du hast uns auserwähtt aus allen Völkern, Du hast uns erhoben über alle Sprachen" u. s. w. — Es ist natürlich, daß auch die geschichtlichen Erinnerungen, insofern sie Volksschicksale betreffen, nicht mehr die Bedeutung haben können, welche sie für die Vergangenheit hatten: das Volk Israel lebt nicht mehr, auch nicht in den Herzen und Wünschen der Gegenwart, es ist als Glaubensgemeinde auferstanden, und nur was diese lebendig berührt, hat auf unsere Theilnahme ein unbestrittenes Recht. Der Auszug aus Egypten wird als der erste Grundstein zur Entstehung Israels seine Bedeutung nicht einbüßen; der Vorrang, den er aber in den Gebeten einnimmt und mit dem er als Volksereigniß z. B. selbst die Gesetzgebung am Sinai, als ein Glauvensereigniß, weit überragt, kann ihm nicht mehr zugestanden werden, die unermüdlichen Wiederholungen, in denen unsere Gebete dieses Thema besprechen, müssen fallen. So kann Amalek mit seinem angeblichen Nachkommen Haman in unserm Herzen nicht mehr die Gefühle des Abscheues wecken, mit welchem eine frühere Zeit sie verfolgt, und die Leiden des Mittelalters werden als geschichtliche Thatsache unserm Gedächtnisse zwar nicht entschwinden, doch aufhören müssen Momente des Gebetes zu sein. Außerdem haben verschiedene religiöse Vorstellungen einen mehr geistigen Charakter angenommen und muß daher ihr Ausdruck im Gebete ein geistigerer sein. Es darf fortan die Hoffnung nach dem Tode nicht in Ausdrücken gefaßt sein, die mehr eine zukünftige Belebung, eine Auferstehung des Leibes als eine Fortdauer der menschlichen Seele andeuten; es muß die ganze sinnliche Darstellung von dem göttlichen Haushalte, die weite Ausmalung mit den Engelchöcen und den heiligen Thieren, wie sie besonders in den Morgengebeten auftritt, fallen; es muß die Kraft des Gebetes wie aller Pflichterfüllungen gegen Gott mehr in der segensreichen Wirksamkeit, welche sie auf unsere Veredelung ausüben, als im schuldigen Gehorsam gegen ein auserlegtes Machtgebot anerkannt werden; es müssen die Feier- und Festtage mehr wegen der Weihe des Gemüths, welche sie bewirken, als wegen ihrer einmal angenommenen Einsetzung, gewürdigt und demgemäß im Gebete verkündet werden. Die Umgestaltungen, welche zu diesem Zwecke vorgenommen werden müssen, werden nicht so tiefeingreifend sein; denn unsere Gebete haben