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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-07-23 · Heft 30 (23.7.1849) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 30 (23.7.1849)
Date
1849-07-23
Page
Seite 419 (sequence 11)
Language
German
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419 dürfen. Die Kraft der religiösen Lebensäußerung liegt nicht blos in dem individuellen Gefühle, sondern vorzüglich in dem lebendigen Zusammenhänge des Einzelnen mit einer auf gleicher Grundlage stehenden Gesammtheit, in dem festen Anhalte an einer großen, erinnerungsreichen Vergangenheit in eine frische Zukunft hinübergeleitet wird. Jede einzelne jüdische Gemeinde ist ein Glied der gesammten Judenheit, sie muß in ihren Einrichtungen das Ganze in sich darstellen, wenn auch mit einzelnen, ihrer Jnvidualitat angemessenen Nüancirungen z eine jede Zeit im Verlaufe des Judenthums bildet ein Moment in der Geschichte desselben, und die Gegenwart kann sich ebenso wenig von der Vergangenheit gänzlich losreißen, wie das einzelne Glied von dem ganzen jüdischen Körper, ohne Schaden an sich selbst zu leiden. Ein solches Wurzeln an der Vergangenheit ist nicht die Macht der tobten Gewohnheit, es ist die Wirkung der lebendigen Idee, welche gleichmäßig alle Zeiten mit ihrem Safte burchströmt, und wenn sie zu verschiedenartigen Entwickelungen führt, doch nicht eine voreilige Verletzung ihrer Bildungen gestattet. Wenn auf irgend einem Gebiete, so ist namentlich auf dem religiösen das Verfahren der Reform allein segenbringend, die Revolution nur geeignet, allen Lebenskräften ein gefährliches Siechthum beizubringen. Wol hat sich auch auf dem jüdisch-religiösen Gebiete die traurige Erfahrung wiederholt, daß die Reform zur Zeit, da sie genügt hätte, verweigert und dadurch um ihren friedlich veredelnden Einfluß gebracht worden ist, so daß die Gegenwart zu einer plötzlichen, unruhigen Umgestaltung gedrängt wird; wol kann daher die jüdischreligiöse Reform nicht jenen ruhigen, gleichmäßigen Schritt wandern, der unvermerkt die Gesammtheit auf neue Bahnen lenkt, der befestigt, ohne zu erschüttern, der Befriedigung bringt, ohne zu verletzen. Die jüdisch-religiöse Reform muß — sie kann nicht anders,, wenn sie einer Einwirkung sich erfreuen will — mit der vollsten Energie sich erfüllen, sie muß darauf gefaßt machen, daß Zögernde und Bedenkliche, Beschränkte und bloße Gewohnheitsmenschen sich von ihr lossagen, und sie muß es der Allgewalt des Lebens überlassen, diese erst später zu ihr zurückzuführen. Dennoch aber und gerade deshalb muß sie mit der größten Umsicht die vorzunehmenden Schritte erwägen und dem Drange der Gegenwart nicht die Verbindung mit der Vergangenheit, den individuellen Empfindungen nicht den Zusammenhang mit der Gesammtheit opfern. Eine solche Reform ist keine Halbheit, wie man so gerne alles das benennt, was nicht einseitig einem beliebig ausgestellten Grundsätze huldigt und alles Widerstrebende ohne Erbarmen beseitigt. Es ist dies vielmehr die Reform der Geschichte, der wir Alle als Organ dienen; schöpfend aus der Vergangenheit, spenden wir Nahrung der Zukunft, bereiten wir vor zum schönern Ziele, an den überkommenen Gütern uns erfreuend, erhöhen wir ihren Werth für die Gegenwart. Ich verkenne nicht die schwierige Aufgabe, welche ein Wirken in diesem Sinne auferlegt; es setzt die Innigkeit des religiösen Gefühls, die Herrschaft der religiösen Idee, und zugleich den wirklichen engen Zusammenhang mit der Geschichte des Judenthums voraus. Aber sollten jene ganz verkommen, die Klänge aus dieser ganz verklungen sein? Was die edelste Blüte nicht nur des menschlichen Herzens, sondern auch des menschlichen Geistes ist, kann nicht verwelkt sein, sie ist nur weniger sichtbar neben anderen, gerade jetzt entschiedener sich hervordrängenden, durch günstigere Witterung gepflegten Blüten. Die Geschichte des Judenthums aber ist so lebensfrisch, sie hat so viele Setzlinge und Sprößlinge auch im gegenwärtigen Leben, daß sie, von dem Gerölle gereinigt, ihre Macht nicht eingebüßt haben kann. Wie wird von solchen Grundgedanken aus der jüdische Gottesdienst für die Gegenwart sich gestalten? Inhalt. Die wesentliche Verschiedenheit, welche in Gedanken und Empfindungen die religiöse Ueberzeugung der Juden ergriffen hat, bezieht sich auf die Stellung Israels in der Menschheit. Mit Freudigkeit zeugt der wahre Jsraelite noch heute wie ehedem dafür, daß Israel der hohe Beruf geworden, den Glauben an den einzigen heiligen Gott in seiner Reinheit durch die Welt zu tragen; mit Freudigkeit zeugt er dafür, daß Israel durch wunderbare Fügungen zu diesem Berufe gelangt und ihm treu geblieben ist; mit Freudigkeit spricht er den Dank dafür aus, daß dieser heilige Lebensgedanke Israels immer mehr seine Verwirklichung in der Welt erhalten hat und erhalt, und mit aller Innigkeit des Vertrauens sieht er auf die Zeit hin, da dieser Gedanke die ganze Menschheit verklären und zu einer Bruderfamilie verbinden wird. Wir haben Gebete, in welchen dieser Gedanke mit aller Majestät des begeisterten Wortes und mit aller Tiefe des gläubigen Gemüths ausgedrückt wird; ich erinnere blos an mehrere Neujahrsgebete, zu denen auch

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