Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-07-23 · Heft 30 (23.7.1849) · p. Seite 412

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 30 (23.7.1849)
Date
1849-07-23
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225637--10334-3240379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

412 bürget, welche sämmtlich wählen werden? Oder scheinen nicht auch viele übrige Staatsbürger nicht wählen zu wollen? Was wird geschehen? Ein Theil Juden wird wählen, ein Theil Juden wird nicht wählen. Nun, daraus wird hervorgehen, daß ein Theil Juden konservativ, ein Theil oppositionell, ein dritter Theil gar nicht politisch ist. Dasselbe wird auch bei den übrigen Staatsbürgern der Fall sein. Und so werden die Juden in demselben Verhältniß stehen, wie alle anderen Staatsbürger. Sonderbare Leute, mehr dürftet Ihr doch nicht fordern; aber statt dessen weisen sie den Juden immer wieder eine Ausnahmsstellung an, fordern von ihnen, daß sie ausnahmsweise Alle über einen Kamm geschoren sein sollen, und zwar den Kamm, der ihnen, den sonderbaren Leuten, in deren Namen Herr?. spricht, gefallt; und werfen dann noch den Juden den Vorwurf an den Hals: sie verstünden die Gleichheit nicht. Was endlich die ausgestoßenen Drohungen betrifft, so erinnern sie zu sehr an die fromme liebreiche „Kreuzzeitung" und deren „Sonntagsblatt", als daß sie nicht jeden guten Eindruck verwischen sollten. Nein! Ihr habt den Juden zu oft Feigheit vorgeworfen, als daß sie sich nicht hüten sollten, Euch Recht darin zu geben. Und was hülfe es ihnen? Ob sie wählen oder nicht — Ihr habt Euch zu sehr hineingeredet in die Meinung, daß die Juden schlechte Bürger seien, nach Eurem Sinne, als daß Ihr ihnen nicht Alles thun werbet, was Ihr vermöget. Wir sind auf Alles gefaßt. Droben giebt es auch noch einen Richter. Nein, Ihr kennet die Juden nicht, sonst würdet Ihr anders mit ihnen reden. Nur ein gutes Wort findet eine gute Stätte. Wir wollten aber den obigen Artikel nicht mit Stillschweigen übergehen, weil er zu den Zeichen der Zeit gehört. Berlin, 16. Juli. Die hiesige „Konstit. Zeit." enthält folgendes „Eingesandt. Heut ist das Resultat der Wahlen von Repräsentanten der jüdischen Gemeinde bekannt geworden. Die religiös-konservative Kandidatenliste (um einmal die politischen Stichworte festzuhalten) hat einen entschiedenen Sieg erfochten. Nicht ein Kandidat der sogenannten Reformgenossenschaft, wenn er nicht zufällig auch der der Majorität gewesen, hat die gehörige Stimmenzahl erreicht, während die meisten Kandidaten Jener unter 999 Stimmen 600—900 Stimmen gewannen. Das Resultat überrascht nur die bescheidene Majorität, nicht die Besiegten. Diese kannten in ihrem Nichts durchbohrenden Bewußtsein sehr wohl den geringen Anklang, den eine gewisse Religionskomödie unter der jüdischen Gemeinde gefunden. Radikales Geschrei, lügenhafte Manifeste, jämmerliche Wahlintriguen, die wir zu großmüthig sind, näher zu enthüllen, haben kein anderes Resultat gehabt, als einige gute Leute, die mehr alten Glauben als neue Kritik besitzen, zu täuschen und zu blamiren. Hoffen wir, daß die Lehre, die bedeutungsvolle Lehre, welche der Ausfall dieser Wahlen deutlicher als alle Ansprachen ausgesprochen, von allen, welche an jüdischen Gemeindeverhältniffen Interesse nehmen, beherzigt, und daraus erkannt werde, daß der wahrhafte Friede nicht aus schwächlichem Jndiffcrentismus, den man euphemistisch Toleranz „tauft", sondern aus kräftiger, selbstbewußter Haltung und Zurückhaltung hervorgeht, selbst wenn man sie mit einer andern Phrase „Fanatismus" bedroht. 8i vis pscem, pars bellum." Wenn der Sieger ungroßmüthig dem Besiegten einen Fußstoß versetzt, so verräth er dadurch seine Schwäche, die ihm dann auch aufgedeckt wird. Die Voss. Zeit, enthält folgende Erwiderung: ,,Worte! Worte!" ruft ein gewisser Dänen-Prinz aus, der sich Hamlet nennt, indem er mit vielen Worten kaum Worte finden kann. — Der Einsender der Konstitutionellen Zeitung No. 169. vom 12. Juli zeigt das Wahlresultat in der hiesigen jüdischen Gemeinde an und sagt zugleich, daß dieses Resultat nur die bescheidene Majorität überrasche!?!? Wäre dieser Ausdruck nicht so impertinent gescheut, so könnte man veranlaßt werden, ihn impertinent dumm zu nennen. Wir fragen: wer hat denn eigentlich die Wahlumtriebe drei Monate lang, bevor irgend Etwas in der jüdischen Gemeinde von solchem Gegenstand bekannt war, hervorgerufen? wer abhausirte den größten Theil der Gemeinde mit einschmeichelnden Redekünsten und versprach einem Theil der verblendeten Mitglieder, Alles beim Alten zulasten, einem andern Theil wieder, Reformen einzuführen, um ein Hauptresultat zu erlangen, nämlich: einen herrschsüchtigen Priester zum Regierenden des hiesigen Judenthums zu befördern. Möchte doch der Einsender der Konstitutionellen Zeitung die Großmuth besitzen, seine Ausdrücke, wie radikales Geschrei, lügenhafte Manifeste,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.