Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1849)
- Date
- 1849-07-23
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225606-3225637--10333-3240378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
411 daß die Lehrer des modernen Heidenthums dies gethan haben. Darum für diesmal nur noch ein Schlußwort. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 15. Juli. (Privatmitth.) Was jetzt die hiesige politische Welt gänzlich einnimmt, und Alles in den Hintergrund treten läßt — das sind die Wahlen zur zweiten Kammer, oder vorerst die Frage: wählen oder nichtwählen. Es wird allseitig jedes Mittel angewendet, um die Wahlen nicht zu mangelhaft ausfallen zu lassen. Daß man hierbei auch an die Juden gedacht, läßt sich leicht voraussetzen. Allein die Juden scheint man in gewissen Regionen noch wenig zu kennen. Dafür führt die gestrige Voss. Ztg. einen glänzenden Beweis. Unter ihren Leitartikeln befindet sich auch folgender: Die Juden haben sich durch die Art ihres Antheils an der politischen Bewegung in Deutschland einen schlechten Namen gemacht, das ist nicht zu leugnen, das wird am Bittersten von denjenigen beklagt, die davon eine löbliche Ausnahme machen. Es ist schwer zu begreifen, was so viele Juden zu Anhängern des maßlosesten Radikalismus macht, zu den verbissensten Anhängern des gründlichsten Umsturzes. Es ist dies in Preußen um so weniger zu verstehen, als sie hier die gastlichste Aufnahme und Nichts als eine Reihe von Wohlthatcn empfangen haben, und als endlich ihnen bereits die Emanzipation zu Theil geworden ist, welche sie den übrigen Staatsbürgern völlig gleichstellt und ihnen Nichts mehr zu wünschen übrig läßt. In der Ehat, wir möchten glauben, es sei nur noch die aus dem alten Zustande beibehaltene Unruhe, zufolge deren sie sich noch nicht in die Freiheit und Gleichheit zu finden wissen. Daß sich dies mit der Zeit legen wird, halten wir uns versichert, allein wir wünschen, daß es sich schon jetzt, bei den nächsten Wahlen zeige, und daß durch die öffentliche Abstimmung unsere jüdischen Mitbürger den Beweis führen möchten, in welchem Verhältniß sie sich zu den übrigen Staatsbürgern stellen. Es wird davon ihre ganze gesellschaftliche Stellung abhängcn, es liegt in ihrer Hand, ob sie sich als ein fremdes oder als ein einheimisches Element betrachtet wissen, ob sie ein freundliches oder feindliches Loos sich bereiten wollen. Voll Vertrauen wenden wir uns an unsere einflußreichen jüdischen Mitbürger und beschwören sie, ihren ganzen moralischen Einfluß auf ihre Glaubensgenossen geltend zu machen, in dem aufrichtigen Wunsch, freundlichen und friedlichen Verhältnissen entgegenzugehen, und drohende Ausbrüche des Parteihasses bei Zeiten abzuwehren, welche unserm Jahrhundert nur zur Schmach und allen Theilen zum großen Nachtheil gereichen müßten." Hiermit will man die Juden zum Wählen bewegen! Sicherlich fühlt sich jedes Verständigen Brust davon empört, und fürwahr! dann könnte der angeführte Artikel die entgegengesetzte Wirkung haben. Zuerst beginnt man mit, zum Ueberdruß wiedergekäueten Beschuldigungen, daran reihen sich Vorwürfe, und endlich schließt man mit Drohungen. Mein Herr?.! Es ist ein altes Sprüchwort, „mit Speck fängt man Mäuse —" aber mit Schlägen und Schimpfen keinen Falls. Ist eine Heerde im Laufen begriffen, so darf man nicht Stöcke und Steine dazwischenwerfen, um sie aufzuhalten: sie läuft dann ganz auseinander. Doch ohne Bild. Es spiegelt sich in allem dem immer nur die alte Verachtung, der alte Haß, der nie verjährende Hohn wieder, den man gegen die Juden im tiefen Grunde des Herzens hegt — aber Verachtung, Haß, Hohn sind nicht geeignet, Menschen zu gewinnen, sondern nur immer mehr zu erbittern. Die ungeheure Majorität der Bevölkerung Berlins war bis jetzt oppositionell gesinnt — das haben alle Wahlen bewiesen: die Juden sollten eine Ausnahme davon gemacht haben? Den Juden trägt man es immer ganz besonders nach? und indem man sie zu Anderm bringen will, ruft man ihnen zu: Ihr habt Euch einen schlechten Namen gemacht, macht Euch jetzt einen guten? Und immer wieder sagt man ihnen: Ihr seid nur Gäste, und habt eine Reihe von Wohl« thaten (?) erhalten? Ihr seid nun emanzipirt? (Wer hat dies bewirkt?) Ihr könnt Euch noch nicht in die Freiheit und Gleichheit finden? (Ein eigenes Motiv in Bezug auf die betreffende Wahlordnung!)... Und was macht man nun für Motive geltend, damit die Juden wählen, und konservativ wählen? Ihr werdet durch die Wahl zeigen, in welchem (welches!) Verhältniß Ihr Euch zu den übrigen Staatsbürgern stellet. Kurios. Sind es denn die übrigen Staats.