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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-07-09 · Heft 28 (9.7.1849) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 28 (9.7.1849)
Date
1849-07-09
Page
Seite 381 (sequence 5)
Language
German
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381 unmöglich und Träumerei sind! Was haben diese Leute nun geändert? Die Religion verheißt die Befriedigung aller Sehnsucht in einem Jenseits, sie aber verheißen sie in einer zukünftigen Einrichtung der Gesellschaft. Aber diese Letztere widerspricht unserer Vernunft, der Geschichte, der ganzen Natur des Menschen, aus der die Individualität, die Ungleichheit und die Leidenschaft niemals entfernt werden können — für jenes Jenseits hingegen spricht unsere Vernunft, unser Herz, unser ganzes Ich in seinem ganzen Wesen und die Uebereinstimmung aller Völker! Dies ist also der eine Rechnungsfehler des ganzen Systems; hierzu kommt aber ein anderer, nicht minder bedeutender. Wie die Lehrer des modernen Heidenthums die Leidenschaft und die natürliche Ungleichheit der Menschen verleugnen, so leugnen sie auch anderseitig jedes höhere Bedürfniß, jedes Verlangen des Menschen über das Sinnliche hinaus. Der Gottesdienst ist ihnen nur eine Befriedigung des geselligen Bedürfnisses, und wird nach ihrer Meinung durch demokratische Klubbs ersetzt (S. 24), das Gebet eine Selbsttäuschung (S. 29), der Glaube an die Unsterblichkeit ersteht nach ihrer Ansicht lediglich aus der Schlechtigkeit der gesellschaftlichen Einrichtungen, denn wenn erst Glück und Wohlfahrt auf Erden Eigenthum aller Menschen sein wird, und dies versprechen sie freilich! dann ist dieser Glaube nicht mehr nothwendig (S. 32). Auf diese Weise erkennen diese Herren dem Menschen kein höheres Bedürfniß zu; sie schließen für den Menschen Alles ab, wenn er arbeitet, und für die Arbeit gesättigt wird. Wie? giebt es für den Menschen denn nur Leiden, die im Hunger bestehen? Ist Siechthum, ist Verlust der Seinen kein Uebel, das jene Herren, selbst wenn sie die Welt so zustutzen könnten, wie sie wollen, selbst wenn ihre Gesellschaft ganz so ausfallen würde, wie sie es träumen, doch nicht entfernen können? Selbst wenn sie alle Menschen vernünftig voraussetzen, wird niemals geirrt, fehlgegriffm werden? und werden aus Jrrthum und Fehlern, aus einer einzigen irrigen Maßregel in einem so künstlichen gesellschaftlichen Getriebe nicht schlimme, unberechenbare Folgen, nicht Täuschungen, Kränkungen, und tausend Leiden entstehen? Wird daher dem Menschen das volle, wahre Glück nicht immer außerhalb seiner liegen, über ihn hinaus — weil dies eben seine Natur ist? Und dann: die Unvollkommenheit der menschlichen Natur — ich meine, nicht blos die moralische — die ihm immer Ziele steckt, die er niemals ganz erreichen kann, also selbst die intellektuelle Unvollkommenheit, die Alles begreifen will und nicht kann, diese Grenzen, die dem Menschen überall gesteckt sind, die er zu übersteigen den innern Drang hat, aber ebenso wenig diesen zu befriedigen wie sich ihm zu entziehen vermag — wird dies Alles nicht immerfort ein Verlangen über ihn hinaus in ihm wach erhalten, und gerade um so mehr die Sehnsucht nach dem Jenseits wecken? Nein! dieses Bedürfniß nachdem Jenseits ist von jeher gerade in den edelsten Geistern am Lebendigsten gewesen, sie, die Entbehrung und Mangel für Nichts erachteten, fühlten um so mehr die Richtung ihres Wesens nach Etwas, was ihnen die Unzulänglichkeit ihrer Natur nicht bieten konnte; an dem, wonach ihre Seele dürstete, begriffen sie, daß es auf Erden ihnen nicht gereicht werden konnte, und daß es daher anderswie befriedigt werden müßte, weil es sonst in ihnen als Bedürfniß nicht existiren könnte. Setzet die Menschen alle über Mangel und Entbehrung hinaus, gebet ihnen Alles, was nur die Gesellschaft ihnen geben kann, und stehe! dann erst recht wird in ihnen Allen die Sehnsucht nach dem Höhecn erwachen. Es kann dies kein Räthsel sein. Der Mensch ist ein Mittelgeschöpf; zwischen Wollen und Können, zwischen Verlangen und Befriedigung, zwischen Frage und Antwort, Forschen und Erkennen ein stetes Mittelgeschöpf. Was aber in der Mitte ist, muß höher hinauf wollen. So hat das moderne Heidenthum drei wesentliche Momente der menschlichen Natur mit Absicht verleugnet: die Leidenschaft, die natürliche Ungleichheit und das höhere Bedürfniß. Mit der Konstatirung dieser drei Momente fällt aber all ihre Logik, all ihr Widerspruch gegen die Religion hinweg. Es ist ein Traumgespinnst, aber ein dumpfes, düsteres, ein Alp, von dem der Mensch sich schnell wieder befreien muß. Wir gehen weiter. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 1. Juli. (Privatmitth.) Bei den jüngsten Stadtverordnetenwahlen sind die Zentren schlecht weggekommen, und in Folge dessen auch mehre jüdische Stadtverordneten, die zu den einsichtsvollsten und thätigsten gehört haben, wie der Kommerzienrath Karl Heymann und vr. Veit nicht wiedergewählt worden.

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