Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1849)
- Date
- 1849-07-09
- Page
- Seite 379 (sequence 3)
- Language
- German
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379 daß sie aber mehr als parlamentarische Kämpfe tragen wird, die in jedem entscheidenden Falle eben nur die Schwache jener Herausstellen werden. Fragen wir, was vom Standpunkte der jüdischen Glaubensgenoffenschaft wünschenswerth sei, so können wir allerdings nur den wahrhaft konstitutionellen Zustand also bezeichnen. Es war eine Zeit, wo der Absolutismus unser, der Juden, Retter war; wo durch die absolute Herrschaft der Fürsten jene blutigen und unheilvollen Verfolgungen unterdrückt wurden, denen das Volk, leicht von Pfaffen und Aristokraten aufgeregt, gegen die Juden sich hingab, wo durch jene ein, wenn auch demüthigender und ausschließender, doch immer leidlicher, gesetzlich geordneter Zustand für die Juden erstand. Diese Zeit ist vorüber, und, den höheren Forderungen gegenüber, welche wir, in Folge höherer Bildung, an die Gesellschaft machen und machen müssen, ist der Absolutismus nicht geeignet, diese Forderungen zu erfüllen. Hier, wo der Staat sich der Persönlichkeit des Herrschers niemals entschlagen kann, wozu dann als dessen Organ die Minister in ihren Persönlichkeiten kommen, die allesammt in ihrer Unverantwortlichkeit nur Persönlichkeiten bleiben, wird die Konfession, trotz allen Prinzipien auf dem Papiere, immer ein vorherrschendes Moment bleiben, das die Juden aus allen höheren Regionen des politischen und wissenschaftlichen Lebens ausschließt. Nur da, wo die Exekutive dem Staate als Solchem verantwortlich ist, und über die Verwaltungsmaßregeln eine höhere Berufung noch möglich ist, nur da kann die Gleichstellung, sowol der Juden, als des Judenthums, eine Wahrheit werden und bleiben. Der Beweis liegt schon vor uns, da unverkennbar in den Staaten, in welchen die reaktionäre Tendenz schon bei Weitem überwiegend geworden, es bereits ausgesprochen ist, daß die Synagoge auf keine Unterstützung zu rechnen hat, während den Kirchen Alles bewahrt und Vorbehalten wird, was sie vom Staate bis jetzt gezogen haben. Wir erkennen aber ebenso, daß die radikale Umwälzung, jene extrem demokratische Richtung nicht minder uns gefährlich ist. Diese basict sich nur auf die völlige Gleichmacherei, sie ist feindlich Allem, was einer Minorität ähnlich sieht, sie dringt auf die Auflösung alles dessen, was nicht in den breiten Strom der Allgemeinheit sich ergießt; und wenn diese Tendenz minder die Juden als Personen gefährden würde, so doch die Personen, die auch Juden sein wollen. Doch sehen wir wieder auf die vorhandene Wirklichkeit zurück. Daß, namentlich in Deutschland, eine politische Ruhe jetzt wieder eintritt, eine, zuerst erzwungene, dann sich längere Zeit von selbst erhaltende Bewegungslosigkeit, während derer es nur in den Tiefen und um die Höhen gähren wird, ist ersichtlich. Die Führer sind entfernt oder schadlos gemacht, die Massen gebändigt und erschreckt. Wohl der Gesellschaft, wenn diese Zeit der Ruhe nützlich und weise angewendet würde, um Reformen, welche die materielle Lage der verschiedenen, namentlich unteren Volksschichten verbessern, die Hauptschaden heilen würden, in's Leben zu rufen! Dann würde die Zukunft heller, und die Aussicht auf friedliche und dennoch kräftige Entwickelung dauernd sein!... Vergessen wir nicht, daß die große Bewegung, die wir nun hinter uns haben, zum großen Theil aus sozialen Mißverhältnissen hervorgegangen, und in ihnen ihre Nahrung gefunden. Die sozialen Kämpfe sind beendigt, aber die sozialen liebet sind geblieben, und die eiternden Beulen werden fortfressen, wenn sie nicht geheilt werden. Das Bewußtsein der Menschen schließt sich nicht, sondern wird immer größer. Kein Belagerungszustand und kein Preßgesetz kann dies verhindern. Benutzt also die Gesellschaft die Zeit der Ruhe; werden die Kräfte nicht vergeudet blos daran, das Alte wieder ganz auszuputzen und vor Beschädigung zu schützen, sondern darauf verwendet, neue Bahnen zu suchen und zu ebnen, so kann sie sich traurige Zusammenstöße ersparen, die im Hintergründe ihrer harren. Offen gesagt, wir geben hierauf nicht alle Hoffnung verloren. Die Geschichte lehrt uns, daß die größten Uebelstände, namentlich dieser Art, auf diesem Wege beseitigt worden sind. Der Sklavenstand des Alterthums hat nickt einmal allein durch einen furchtbaren Kampf die Freiheit gesucht; in diesem Kampfe wurde er besiegt, aber wenige Jahrhunderte darauf hörte er in der germanischen Welt von selbst aus. Die Leibeigenschaft brachte die fürchterlichsten Bauernkriege zuwege; die Gedrückten siegten nicht, sie wurden durch die Gewalt der Waffen in ihr Joch zurückgedrängt; aber einige Jahrhunderte darauf siet es wie von selbst von ihren Schultern. Die Macht der Idee hatte, langsamer zwar, aber sichrer, zum Triumph des Geistes, in Wahrung und Erhöhung der Sittlichkeit, das Ziel erreicht. Die Gleichstellung der Juden hat niemals den Kampf der Waffen hervorgerufen, dennoch, so viel sich auch die Gegner sträubten, mußten dieselben Männer sie dekretiren, die vor einem Jahre sie verworfen hatten. So, glauben wir, kann es auch mit der Ausgleichung der sozialen Mißverhältnisse,