Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-07-09 · Heft 28 (9.7.1849) · p. Seite 378

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 28 (9.7.1849)
Date
1849-07-09
Page
Seite 378 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225635--10298-3240341
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

378 Was ist des Juden Vaterland? Ob über'm Meer Lch's endlich fand, Wo ihre Brust entgegenhält Dem Flüchtling eine neue Welt? O nein, o nein! O nein, o nein! Sein Vaterland muß größer sein. Was ist des Juden Vaterland? Ist es der fernen Zonen Strand, Wo noch das Vorurtheil, der Haß Die Herrschaft blutig nicht besaß? Ob nah, ob fern, das kann's nicht sein: Sein Vaterland muß anders sein! So nenne mir das große Land, Das ist des Juden Vaterland: Es ist der Wahrheit Reich ohn' End', Das Gott, den ein'gen Herrn, bekennt: Das muß es sein, das soll es sein, Das, wahrer Jude, nenne dein! Die Wahrheit, die vom Himmel stammt, Und hoch die Menschenbrust entflammt, Der ist der sinnende Verstand Wie Herzens Fühlen zugewandt: Die muß es sein, die soll es sein, Die Wahrheit muß's für immer sein! Und wo man diese Wahrheit kennt, Und wo sie frei der Mund bekennt, Und wo des hohen Geistes Drang Ihr anstimmt hellen Lobgesang: Da muß es sein, das Vaterland, Da ist des Juden Vaterland. ♦ So schaue, Vater, gnädig drein. Und laß es immer größer sein, Daß es ohn' Stillstand, ohne Rast Die ganze Menschheit bald umfaßt! So soll es sein, so soll es sein: Die ganze Menschheit soll es sein! Leitende Artikel. Magdeburg, 29. Juni. Die Gegenwart. Wir haben uns daran gewöhnt, in diesen Blattern von Zeit zu Zeit einen Blick auf die allgemeine Weltlage zu werfen, uns dieselbe klar zu machen, und von da aus die Hoffnungen oder Befürchtungen auszusprechen, die sich im Allgemeinen für die Gesellschaft, im Besondern für unsere Glaubensgenossenschaft herauszustellen scheinen. Es ist heute abermals an der Zeit. Durch die schnelle Ueberwindung der Pfalz und Badens, durch das spur- und wirkungslose Verschwinden des Rumpfparlaments in Stuttgart, ist offenbar Deutschland in eine neue Epoche eingetreten, die bei dem Siege der Regierung in Frankreich, bei dem vorauszusehenden baldigen Falle Roms und Venedigs, für das ganze westliche Europa gilt. Nur der Kampf in Ungarn macht noch eine Ausnahme. Wollen wir die gegenwärtige Lage charaktecistren, so können wir sagen: es ist die der Nichtbefriedigung aller Parteien. Denn, abgesehen von den radikalen Parteien, ist die absolutistische Partei noch nicht befriedigt, da der Absolutismus noch nicht vollständig und rein wieder hergestellt ist, und die konstitutionelle Partei muß sich sagen, daß, trotz allen Verfaffungen, für den Konstitutionalismus keine Gewähr vorhanden ist. Denn wo es sich herausgestellt hat, daß die volle materielle Macht in den Händen der Regierungen ist, ist dem Konstitutionalismus keine Bürgschaft, daß nicht in allen bedeutsameren Fragen der Wille der Regierung sich auf jene steift. Fragen wir uns daher, welche die nächste Zukunft sein werde, so kann die Antwort nur dahin lauten: daß es zwar nicht denklich ist, daß die Regierungen den Absolutismus völlig restauriren werden, daß sie aber ebenso wenig auf der Bahn, auf welcher sie einmal stehen, zu einem vollgiltigen Konstitutionalismus kommen können, weil sie wohl einsehen, daß dieser früher oder später die Richtung zum Radikalismus einschlagen muß. So wie die Sachen stehen, lenkt der Schwerpunkt der Regierung auf den Absolutismus hin, der Schwerpunkt des Konstitutionalismus auf die Demokratie. Wir dürfen uns dies nach beiden Seiten hin nicht verhehlen. Es liegt dies auch in der Natur der Sache; denn nach einem Siege'hiebt es keine Ausgleichung. In der nächsten Zeit wird daher zwar die konstitutionelle Form bestehen, ohne

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.