Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1849)
- Date
- 1849-07-02
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
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366 wie es den Anschein hat, die politische Bewegung in Deutschland wieder in ihr Bett zurückgekehrt sein wird, wird sich der religiöse und kirchliche Kampf mit neuer Macht und Nachhaltigkeit erheben, und aus der letzten Bewegung nur um so mehr Streitelemente gezogen haben. An dieser Richtung nehmen aber die deutschen Juden ihren Thcil. Auch in ihnen war die religiöse Bildung seit 50 Jahren eine Hauptthätigkeit, die von ihrer bürgerlichen Stellung nicht abhängig war, die also mit der bürgerlichen Gleichstellung nicht erloschen sein kann. Wer den bisherigen Gang der deutschen Juden beobachtet, sicht ein, welch' eine bedeutende Summe von Geist und Herz dem religiösen Kampfe bei ihnen zugewendet worden, welch' ein Fleiß, welche Ausdauer, welche Gelehrsamkeit, und wiederum welche Kraft des Gemüthes, welche Erregung des Herzens. Man sehe nur aus die Entwickelung der Predigt. Es ist kein deutsches Dorf, darinnen Juden wohnen, in dem diese nicht nach der Predigt verlangten, wahrend in den größten französischen Städten die Pr.digt nur noch ein seltner Gast in der Synagoge ist, nicht die Rabbinen sehnen sich dort zu lehren, nicht die Gemeinden belehrt zu werden. Der Kultus ist dort todt, wahrend er in Deutschland nach Leben ringt. Es störe uns nicht, daß zeitweise das Interesse für Predigt und Reform wieder sinkt, bald hier, bald dort wieder nachläßt. Es liegt dies in der Natur der Sache, daß nach einem großen Anlauf Abspannung folgt, daß der Enthusiasmus sich abkühlt; aber damit ist die Sache nicht zu Ende; denn auch die Abspannung ist nicht bleibend, sondern geht in das ruhige, belebende, aber nicht beeifernde Streben der Gewohnheit, des Bedürfnisses, das zum Leben gehört, über. Und so wird das Judenthum in Deutschland niemals in die Apathie versinken, in welcher es in Frankreich schmachlet. Denn man vergesse nicht, was ging in Frankreich der Emanzipation der Juden voran? Nichts. Aber in Deutschland ein großes, inhaltsreiches Leben. Dies ist mit der Emanzipation nicht erschöpft, nicht befriedigt. Dies erhebt seine Schwingen auch nach ihr mit neuer Kraft.... Warum ich mich bemüssigt fühle, diese Worte niedcrzuschreiben? Weil ich ein abgesagter Feind der Mulhlosigkeit bin, und weil mir diese der ärgste Gegner des Lebens und Strebens scheint. Wir stehen in einem Uebergang. Aber darum darf dieser um so weniger ein Stillstand werden; darum darf um so weniger geruht werden, darum um so mehr getrieben, angefacht, belebt. Die Nachwelt wird diejenigen Männer, welche auch in der Zeit der Erschlaffung, das Steuer nicht aus Händen ließen, sondern mit Selbstverleugnung fort und fort die rechten Saiten anzuschlagen suchten, mit einem besondem Lorbeer schmücken. —. Noch einiges Besondere: Aus der Privatsynagoge des Generalmusikdirektors Meyerbeer ist ein silberner Kronleuchter entwendet worden im Werth von 140 bis 150 Thaler. Der Polizei ist es bis jetzt noch nicht gelungen, den Dieb zu entdecken. Andere in der Synagoge befindliche Silbergeräthschaften sind vom Diebe unberührt geblieben. (ES ist dies nicht die Privatsynagoge Meycrbeer's, sondern seines sel. Vaters.) —. Moritz Beit, der Abgeordnete des sechsten berliner Wahlbezirks in die deutsche Nationalversammlung, hat ein Sendschreiben an seine Wähler veröffentlicht. Sogar die Bossische Zeit, sagt darüber: „Einer der würdigsten, gebildetsten und wir dürfen sagen, was in jetzigen Zeiten sehr viel ist, ruhigsten und besonnensten Abgeordneten, welche Preußen der deutschen Reichsversammlung zugeschickt hat, der Abgeordnete Berlins, Hr. V e i t, hat in einer Denkschrift unter dem oben angeführten Titel seinen Wählern die Gründe auscinandergesetzt, wodurch er seine Handlungsweise in Bezug auf die Nationalversammlung erklärt und rechtfertigt, insbesondere weshalb er und weshalb nicht früher aus der Versammlung ausgeschieden ist. Müssen wir dem Wort, welches der Verfasser in der Vorrede ausspricht, völlig beitretcn, daß es in dieser Zeit völlig aufgegeben werden müsse, die politische Ansicht Anderer zu bestimmen: so wird er es uns um so weniger mißdeuten können, wenn wir die Scinige, wie er sie in Bezug auf die bestimmte, vorliegende Lage entwickelt hat, nicht theilcn. Dabei können wir die vollste Anerkennung seiner würdigen Handlungsweise, seiner edelen, wenngleich für uns irrthümlichen, Motive, durchaus beibehalten. Wir können mehr thun, wir würden ihm, bei jeder neuen politischen Mission wiederum das unbedingteste Vertrauen schenken; denn in den Grundsätzen sind wir eins mit ihm, nur nicht in der Anordnung derselben auf den speziellen Fall."