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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-07-02 · Heft 27 (2.7.1849) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 27 (2.7.1849)
Date
1849-07-02
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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365 Der Nebel der Gleichgiltigkeit, der giftige Dunst des Nichtswollcns und Nichtsthuns hatte sich über uns gelagert. Er fängt an, sich zu zerstreuen. Denn am Ende ist es doch nicht blos ein Kampf um die Personen; in einer größern Gesammtheit tritt die Persönlichkeit hinter das Prinzip, das die Person repräsen-;irt, zurück. Nur in kleinen Gemeinden handelt es sich in solchen Fällen um die Personen quand meine. Es stellt sich hierbei heraus, daß unsere Gemeinde drei Parteien umschließt, die Partei der Orthodoxen, die Partei der Reformer und die Partei der s. g. Neuorthodoxen. Sie werden fragen, diese letztere Partei der Ncuorthodoxen, was ist dies für eine? Glauben Sic nicht, daß Sie sich hierbei auf irgend einen Mystizismus, auf Gnostizismus, Chassidismus oder dgl. gefaßt machen müssen. Es sind einfach die, welche zwar für ihre Personen der Orthodoxie entsagt Halen, für die Gemeinde aber sie fcsthalten wollen; welche Gegner der Reform sind, weil diese, nach ihrer Meinung, in's Bodenlose führt, in die Willkür der Individualitäten, in die Auflösung, weil sie überhaupt reinen Separatismus, keine Trennung und Spaltung wollen, sondern die Gemeinde in der Gesammtentwickelung, und sei diese noch so langsam, fortsührcn wollen. Wollen Sie wissen, wie sich die Orthodoxen gegen diese Neuorthodoxen verhalten, so muß man ein äußeres und inneres Verhalten unterscheiden. Aeußerlich sind die Orthodoxen mit jenen zufrieden; ist es doch immer eine Vermehrung der äußeren Kräfte für sie, bringen doch immer von Zeit zu Zeit die Neuorthodoxen einen Tribut, eine Huldigung der Orthodoxie, besuchen einmal, zweimal im Jahre die Synagoge, lassen sich eine oder dergleichen geben rc. Innerlich freilich ist es anders; die Orthodoxen fühlen, daß diese Haltung der Neuorthodoxen doch auf die Dauer unhaltbar ist, daß die Pietät, die sie noch beseelt, in ihren Kindern erloschen sein wird, daß sie mit der Zeit die ganze Synagoge auf das Gebiet der Reform rücken werden, daß es überhaupt mit einer Orthodoxie, die für die Personen völlige Freiheit verlangt, nicht weit her sei. So die Orthodoxen, die jedoch immer eher mit diesen, als mit den Reformern gehen werden. Als Kandidaten stellen die Neuorthodoxcn den (verdienstvollen) Major Burg, den (nach Frankfurt abgeordnet gewesenen) vr. Veit, den vr. Gumbinner, die Herren Jonas und Asher (Buchhändler) auf, auch der vr. Weil aus Stuttgart, der aus Württemberg den wohlfeilen Ruhm eines Vertreters seiner Glaubensgenossen mit nach Berlin gebracht, wo er die Hansemannsche konstitutionelle Zeitung redigirt, steht auf der Kandidatenliste, die wahrscheinlich die Mehrzahl der Stimmen für sich haben wird. Die Reformer werden hierbei zeigen, was für Lebenskraft noch in ihrer Genossenschaft steckt, indem sie Kandidaten aus ihrer Mitte durchbringen. Zu wünschen ist übrigens, daß keine Partei ausgeschlossen werde, sondern Kandidaten aller Farben gewählt werden. Hierauf müßte gewirkt werden. Denn da cs sich hier um das Aeußerliche der Gemcindeverfassung handelt, so können sich die Mitglieder aller Parteien vereinigen. Würde eine Partei gänzlich ausgeschlossen werden, so würde diese sich von vorn herein dem Werke gegcnüberstellen, und so die neue Konstituirung der Gesammtheit schwächen. Je mehr Freiheit da ist, desto mehr muß jede Ueberzeugung geachtet und geschont werden. Die allgemeine politische Windstille, die in Berlin gegenwärtig herrscht, konnte der Wahlbewegung auf diesem besonder» Gebiete diese Vehemenz verleihen, die, bei anderweitiger großer Aufregung, sich nicht gefunden hätte. Wir können sie als ein Omen für die nächste Zeit ansehen, von unserm Standpunkte aus freilich als ein günstiges. Berlin, 25. Juni. (Privatmitth.) Sie haben vor einiger Zeit in einem Leitartikel auf eine Aeußerung aus Paris hingewiesen, wo bezweifelt wird, daß die bürgerliche Gleichstellung in Deutschland eine andere Wirkung haben werde, als in Frankreich, wo der religiöse Jndifferentismus bei den Juden die höchste Höhe erreicht hat, und eine Kirchhofsruhe herrscht, die Alles schlummern läßt. Gestatten Sie mir, dem mit einigen Worten entgegenzutreten. Fürwahr, Deutschland ist nicht Frankreich, insonders auf dem religiösen Gebiete, insonders sind die deutschen Juden nicht wie die französischen. Deutschland war von jeher das Land, in welchem die religiösen Interessen vorwiegend waren, in welchem die religiösen Streitigkeiten sich durchkämpften. Sobald nur das Politische ruhig wird, und das ist bekanntlich in Deutschland allzuoft der Fall, so tritt das Religiöse hervor. Es beruhet darauf, daß das deutsche Volk Geist und Gemüth vorzugsweise dem Religiösen zugewandt hat. Mögen Einige dies belächeln, Andere dies hochstellen: es ist doch so, es ist Faktum. Wir werden es wieder erleben; wenn,

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