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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-06-25 · Heft 26 (25.6.1849) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 26 (25.6.1849)
Date
1849-06-25
Page
Seite 357 (sequence 13)
Language
German
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357 Gottesdienste einzuführen; demselben gebührt zuvörderst der Dank des gebildeten Theils unserer Gemeinde, welchen ich hier öffentlich auszusprechen mir erlaube. Er erkennt den hohen Zweck seiner Mission, und bewährt das ihm geschenkte Vertrauen unserer Gemeinde im hohen Grade. Männer und Jünglinge fanden sich sogleich bei der ersten Aufforderung zur Bildung eines Sängerchors, mit aller Lust und Liebe zur guten Sache im Schulsale ein, fu ließen sich durch die nothwendigerweise vorangehenden trockenen Schulgesangübungcn, zur Bildung des Gehörs und der Stimme, nicht einschüchtern, ebenso wenig durch die rhythmischen und dynamischen Uebungen; es wurde Nichts übereilt; wohl erwägend, wenn auch die Schale bitter, der Kern doch süß schmecke. Und so brachte es der Eher durch sein regelmäßiges Erscheinen, und seine stete Aufmerksamkeit innerhalb vier Monaten in drei Wochenstunden so weit, daß er mit dem Vorsänger abwechselnd im Gottesdienste am Sabbatvorabend alle Gesänge, vierstimmig, schön und regelmäßig zur großen Zufriedenheit der Gemeinde vortrug. Die Gesänge zum Gottesdienste waren alle neu, im strengen Ehoralstyle von unsern Chordirigenten Herrn H. B. Wiß, königl. Gymnasialmusiklehrer, komponirt; sie sind leicht, gefällig und sehr ansprechend, streng nach dem Sinne und Charakter des Textes. Als Beispiel diene: Vorsänger . I ~ # J l r 1 £ - m r m I IJ T bo-re-chu — es — — — — a - du - uoj. Chor bo-ruch a-dö-noj, ha-me-vo - roch le-o - Lom vo-ed. Der Chor studirt eben an den Gesängen des Morgengottesdienstes, welche ebenfalls alle von Herrn Wiß neu komponirt sind. Wir sind nun auf dem Wege der Reform, und gewiß, wir werden nicht davon abweichen, indem wir uns bereits überzeugt, daß unser Gottesdienst schon sehr viel gewonnen und daß wir den Gemeinden größerer Städte in dieser Hinsicht nicht nachstehen werden. Hauptsächlich fehlt uns für den Gottesdienst eine Sammlung leichter, gefälliger, ansprechender Ehorgesänge, besonders für mittlere und größere Landgemeinden. Es ist zwar eine schwierige, aber auch eine höchst dankbare Arbeit für einen Komponisten. Die Sammlung dürfte ein-, zwei-, drei- und auch mitunter vierstimmig sein, besonders auch berechnet für die Volksschulen. Natürlich dürfte das Nationale und Charakteristische in der Melodie nicht unberücksichtigt bleiben, welches besonders in den Melodien an den Festtagen der verschiedenen Jahreszeiten so eigenthümlich hervortritt, welchen Typus sogar die christliche Kirche in den Gesängen noch heute aus dem Judenthume rein bewahrt. Mit Indignation erinnere ich mich der Antwort, welche ich von einem Vorsänger erhielt, als ich ihn fragte, was er für Melodiken in der Synagoge benütze; Niemand wird wol im Entferntesten diese Antwort ahnen, und nur mit Bedauern solche Mißgriffe vernehmen — er antwortete mir: Ich singe die schönsten Melodien aus Bellini's neuesten Opern!!! — Als er dieses sagte, lächelte er sich selbst Beifall, als sollte ich seine künstlerische Bravur anstaunen. Nun, solcher Skandal müßte doch bei einer Vorkommniß jeden gefühlvollen Israeliten, dem noch die reine Gottesverehrung innewohnt, mit Empörung aus der Synagoge treiben. Die Gefühle in der Synagoge sind doch gewiß von den Gefühlen des Theaters sehr verschieden. Deßhalb muß die schönste Opernarie die ganze Andacht total stören, während ein einfacher Ehoralgefang dieselbe erregt und fördert. Ist das nicht ein Jammer im 19ten Jahrhundert, wo noch solcher Unsinn vorkommt? Doch wen klage ich an? Diese Antwort liegt gewiß auf flacher Hand, wen anders als uns selbst, und aber auch besonders unsere Rabbinen, weil viele, ja ich sage nicht zu viel, wenn ich sage, die meisten, Nichts — gar Nichts für die gute, höchst nöthige Sache thun; denn ich frage: Was erregt das Gefühl zur Andacht? — Gesang! Was fördert die Andacht? — Gesang! Was erhebt die Seele zum Herrn? — Gesang! Was bildet das Herz und Gemüth? — Gesang. Noch viele Fragen könnte ich stellen, und immer wäre die Antwort dieselbe. Und doch, ich muß es zu meinem größten Leidwesen wiederholen, wird für diese heilige Sache Nichts gethan. Es ist unverantwortlich, die Nachwelt wird uns darüber zürnen. Unser Ehordirigent Herr Wiß wird auf unser Verlangen zu dem Abend- und Morgengottesdienste auch noch die verschiedenen Festtagsgesange komponiren. Kenner erklären die Abendgesange für ausgezeichnet schön, weßhalb gewiß die Morgengesänge jenen nicht nachstehen werden.

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