Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1849)
- Date
- 1849-06-25
- Page
- Seite 346 (sequence 2)
- Language
- German
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346 zweifelt, ob sie bestehen bliebe. Nicht die Propheten zweifelten, als sie auf den Trümmern des Tempels standen, nicht die Talmudisten zweifelten, als sie die immer weitere Zersplitterung der jüdischen Masse sahen, selbst die gedrücktesten Rabbinen zweifelten nicht, als sie ein Joch auf den Nacken ihres Volkes sich lagern sahen, ein Joch, wie noch Keines in der Geschichte der Menschheit gewesen. Und so zweifeln auch wir, die späten Enkel, nicht an den Bestand und den Sieg unserer Lehre — aber die Propheten, die Talmudisten und die Rabbinen kämpften, und kämpfen wollen auch wir, die Söhne einer neuen Zeit, weil dieser Kampf unser schöner, heiliger Beruf ist. Dem Judenthume gegenüber, nehmen diese Helden des Unglaubens und der Seldstvergötterung, eine eigene, aber nicht neue Stellung ein. Sie fertigen es ebenso ab, wie die christlichen Theologen es abfertigen: sie sagen — „das Christenthum ist die Vollendung und damit die Vernichtung des Judenthums, das heutzutage nur eine antiquarische, nicht aber welthistorische, berechtigte Form der Weltanschauung ist." (S. 21 obiger Schrift.) Nun sind sie fertig. Das Judenthum ist nicht mehr, es ist eine Mumie, es ist eine Antike rc. rc. Wer eine große, lebenskräftige, und ihre Gegensätze überwältigende Erscheinung und Existenz so abfertigt, der kann wot von vorn herein keine andere Berechtigung fordern, als die, ein sehr oberflächliches Urrheil, eine sehr kurzsichtige Einsicht zu haben. Ich schließe die Augen, ich sehe Nichts, nun — dann ist es auch nicht mehr, denn ich sehe es ja nicht. Dies ist die ganze Weisheit dieser großen Weisen. Aber die christlichen Theologen haben sich schon eine wächserne Nase angedreht, indem sie das Judenthum für durch das Christenthum getödtet ausgaben, und die neuen Weisen borgen sich diese wächserne Nase. Aber die christlichen Theologen schreien Zeter, wenn ein Jude Lehrer an einer Schule wird, sie unterdrücken förmlich alle Erscheinungen der jüdischen Literatur, eine gemischte Ehe mit einem Juden oder selbst einer Jüdin ist ihnen ein furchtbarer Schrecken, in Preußen verboten sie sich sogar, eine Synagoge zu besuchen, überallhin klagen sie, daß der jüdische Geist, die jüdische Lehre eindringe und zersetze, nämlich ihren Geist und ihre Lehre — und doch soll das Judenthum vor zwei Jahrtausenden verstorben sein! Die neuen Weisen haben wohl Acht zu geben, daß es ihnen mit dem Judenthume nicht ebenso ergehe. Mögen sie bald erkennen, daß ihr rechter, lebenskräftigster Gegner — das Judenthum ist und bleibt. Nein, ihr irret Alle, oder vielmehr ihr wollet irren. Das Ehristenthum war nie „die Vollendung desJudenthuws", und damit ist eure ganze Schlußfolgerung falsch. Das ^Ehristenthum nahm einen Theil seiner'Lehren .aus dem Judenthume, für die eigentlichen und höchsten Lehren des Judenthums brachte es aber ganz andere herbei, durch die es jene vielmehr negirte. Die Lehre von der Dreieinigkeit, die Lehre von der Erbsünde, die Lehre von der Menschwerdung Gottes, die Lehre von der Erlösung durch den Tod Christi, die Lehre von der Liebe, welche das Recht verleugnet, das sind Lehren, welche unjüdisch waren und sind, welche das Judenthum nie hatte, welche das Judenthum nicht vollendeten, sondern, gerade umgekehrt, verneinten. Somit war das Christenthum zu einem Theile ein Bruchstück Judenrhum, zum andern Theil Verneinung des Judenrhums, also nicht eine Vollendung, sondern ein Gegner des Judenthums, also auch keine Vernichtung, denn als Gegner ringen sie noch heute, und das moderne Heidenthum ist eher ein Zeugniß für den Sieg des Judenthums, als daß es dieses für todt auszugeben eine andere. Berechtigung hatte, als seine eigene Oberflächlichkeit und seine eigene Schwäche. Sie schließen die Augen, und sagen — es ist nicht mehr. Denn sehet: darum blieb ja eben das Judenlhum bestehen, weit das Christenthum nicht seine Vollendung, sondern nur ein neuer Gegner, wenn auch ein näher stehender, aus seinem eigenen Blute entsprungener Gegner war. Und darum muß und wird das Judenthum bestehen bleiben, um auch seinem neuen Gegner entgegenzutreten, der freilich nur ein alter, aus den Garten Athens und von den Hügeln Roms her wohlbekannter, nur in neuem Gewände erscheinender Gegner ist. J'ndeß was wollen wir: diese Weisen der Neuzeit schlagen sich selbst, wir brauchen es kaum. In derselben Schrift S. 9 heißt es: „Die indische Religion der Bramanen hat auch das Geheimniß der Dreieinigkeit als obersten Grundsatz. Die drei Götter, welche ebenso wie im Christenthum, nur eine Person bilden, heißen Brama, Siwa, Wischnu. Diese Religion ist sehr alt und aus ihr, mit Vermischung von jüdischen Elementen, das Christenthum entstanden." Also das Christenthum soll eine Vermischung von indischen und jüdischen Elementen, und dennoch die Vollendung, d. h. die höchste Entwickelung des Judenthums sein, und darum die Vernichtung des Letzter»! Solche Widersprüche mit sich selbst lassen sich die Herren gefallen, die den Widerspruch wider die bestehende Welt predigen!