Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1849)
- Date
- 1849-06-11
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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315 zerbrochen, ob dadurch der innersten Natur der Menschheit widersprochen, ob dadurch seine neue gesellschaftliche Ordnung in die Luft gebaut und auf Bestialität gegründet werde — das ist ihm in seiner Verblendung gleichgiltig, weil er es nicht merkt. Aber dieser Jrrthum ist schwer. Tauschen wir uns nicht. Der Gang, den die Vorsehung das Menschengeschlecht gehen läßt, ist kein einfacher, gerader, in gerader Linie systematisch, wie nach einem Lehrbuch, fortschreitender; er ist gewunden, in Umwegen; oft wird eine ganze Kultur vernichtet, weil sie verlebt ist, dunkle Nacht breitet sich darüber, um später erst vor einer neuen Morgenröthe sich zu theilen; die Werkzeuge der Entwickelung und die Werkstätten derselben wechseln; dann muffen die Werkzeuge erst zubereitet, die Werkstätten ausgerodet, urbar gemacht werden. Dies bezeugt uns die Geschichte. Wir sind also nicht sicher, daß eine solche Periode wiederkehrt. Befangen sind nur die, welche an eine Beseitigung des Kampfes durch irgend einen momentanen Sieg glauben. Napoleon überwältigte den Kampf, die Restauration hielt ihn nieder, Ludwig Philipp überlistete ihn; aber immer wieder brach er hervor, und mit größerer Macht. Früher hatte er seine Grenzlinie am Rhein; jetzt an der Weichsel und Donau. Wie er bis dahin geschritten, kann er weiter schreiten, und sein Ziel am Ural und schwarzen Meere finden. Hat er doch auch die Pyrenäen und die Alpen überstiegen, hat er doch schon in Athen und Morea gespielt; hat er doch die Schwerter, die 1741 glühend pro rege nostra aus den Scheiden der Magyaren blitzten, gegen ihren König gewandt. Daß es keinen vorübergehenden Kampf gilt, zeigt, daß er eben immer wieder hervorbricht, daß er sich zuletzt immer wieder aus einem innern Volkskampfe zu einem äußern Völkerkriege wandelt, wo also ganze Nationen für ein Prinzip einstehen. Seitdem Israel gegen die Römer zum letzten Male die Waffen erhob, und seine Freiheitsliebe in Bethar (Bitter) 135 nach der gew. Zeitrechn, ausathmete, ist es kein Faktor des Kampfes als eine bestehende Nation wehr — es ist zerstreut unter den Völkern, es kämpft in ihnen den Kampf mit, entweder den äußerlichen Waffen ganz entzogen, wie im Mittelalter, oder in allen möglichen Heerlagern in feinen Individuen kämpfend. Aber in geistiger Beziehung ist auch heute noch Israel ein wesentlicher Faktor. Zwar wo es blos politische Staatsformen gilt, werden seine Individuen ebenfalls verschiedenen Richtungen folgen. Sobald es sich aber um tiefinnerliche Bewegungen handelt, sobald der Kampf in das religiöse und sittliche Gebiet der Menschheit hinübergreift: da wird es ganz und gar ein bestimmter Faktor, da tritt Israel in seiner Gesammtheit — einzelne Abfalle machen Nichts aus — als der alte Repräsentant und Träger der menschengeschlechtlichen Kultur, der Gotteslehre und ihrer sittlichen Ergebnisse auf, und, sollte die Welt auf eine Zeit lang von seinem Gegensätze besiegt werden, wie es immer geschah, so zieht es sich zurück auf sein geistiges Gebiet, und verharret daselbst, bis die Entwickelung zur Wahrheit von Neuem beginnt. So beharrte es mitten im babylonischen Heidenthume, so mitten im römischen Heidenthume, so mitten im kirchlichen Ehristenthume und im Islam. Aber zu solchem Werke ward Israel immer vorbereitet und ausgerüstet, nach Babel mit dem Prophetismus, nach Rom mit dem Talmudismus, für das Mittelalter mit dem Rabbinismus — in einer Zeit, wo eine Welt sich feindlich gegenüberstellt, da muß eine Masse, wie die Juden sind, ein Bestimmtes, genau Artikulirteö haben, an und in dem sie leben kann. Ein solches Weck muß auch das Judenthum für die kommende Zeit haben, um an und in ihm, selbst den feindlichsten Elementen gegenüber, bestehen zu können. Und das soll ihm die Synode — nicht in einem, nicht in zwei Jahren, in Jahrzehenden schaffen. Darf man einen Vorausblick wagen, so wird ein solches Werk für die Zukunft insondecs ein dogmatisches sein. Man erschrecke nicht davor. Man hat sich immer etwas gewußt, daß das Judentum keine Dogmatik habe. Verstand man dies so, daß die Dogmen des Judenthums nicht genau durchgearbeitet, nicht sorgfältig artikulirt und gegliedert waren, so hatte man Recht. Aber wozu auch eine Dogmatik in einer Zeit, die sich um die Lehre gar nicht kümmerte, sondern der allein das Formgesetz Wichtigkeit hatte? Meinte man aber, daß das Judenthum gar keine Dogmen habe, so war dies nur eine Selbsttäuschung, welche die neuere Kritik, die pantheistische Philosophie hinlänglich aufgedeckt hat. Sobald der philosophische Geist im Judenthume sich Luft machte, war auch die Dogmatik da, Saadias, Maimonides, Albo rc. sind Zeugen; man dachte sofort sogar an genau gegliederte Glaubensbekenntniffe. Uederhaupt die prinzipielle Durcharbeitung einer Lehre — mögen die Resultate sein, welche sie wollen — ist Dogmatik. Wie die Aufgabe des Prophetismus die Belebung der mosaischen Lehre und des mosaischen Sittengesetzes in ihren allgemeinen Partieen war, die Ausgabe des Talmudismus die Durcharbeitung und Fest-