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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-06-04 · Heft 23 (4.6.1849) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 23 (4.6.1849)
Date
1849-06-04
Page
Seite 310 (sequence 14)
Language
German
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310 könnte. Und doch muß er die Weinlese des purpurnen Palästina feiern! Das Gesetz hat ihm gesagt, daß er, obschon Bürger eines eisigen Klimas, sieben Tage in einer Laube wohnen, und daß er sie aus den Zweigen dicker Baume erbauen muß, und die Rabbiner haben ihm gesagt, daß dicke Baume die Palme, die Myrthe und die Trauerweide sind. Selbst Sarmatien kann eine Trauerweide liefern. Das Gesetz hat ihm gesagt, daß er die Frucht guter Bäume pflücken müsse, und die Rabbiner haben ihm erklärt, daß die gute Frucht sich bei dieser Gelegenheit auf die Zitronen*) beschränke. Bielleicht ist er in seiner Verzweiflung genöthigt, nach den kandirten Delikatessen des Gewürzkrawers zu greifen. Seine Handelsverbindungen werden ihn, wiewol oft mit bedeutenden Kosten, in den Stand setzen, sich einige Blätter aus Kanaan zu verschaffen, die er in seiner Synagoge schwenken kann, während er ausruft: Hosiannah in der Höh!" Es liegt ein tiefes Interesse in dieser unverbrüchlichen Beobachtung orientalischer Gebrauche im Herzen unserer sächsischen und slavischen Städte, bei diesen Nachkommen der Beduinen, welche vor mehr als dreitausend Jahren Kanaan eroberten und die noch jenen Sieg feiern, der ihren Vätern zum ersten Mal den Genuß der Traube verschaffte. Man denke sich einen Menschen, der in der Judenstraße zu Hamburg (?) oder Frankfurt oder noch besser in der Umgebung von Honusdith oder Minories in London geboren und erzogen, auf dem eine erbliche Schmach lastet, ohne Erziehung, anscheinend ohne einen Umstand, der den geringsten Geschmack entwickeln oder das mindeste Gefühl für das Schöne ausbilden kann, der unter Nebel und Schmutz lebt, der niemals mit Freundlichkeit, selten mit Gerechtigkeit behandelt wird, der sich mir der gemeinsten, wo nicht mit der schändlichsten Arbeit beschäftigt, alte Kleider zusammenkauft, Wucherspekulationen macht und fortwährend unter dem Zusammenfluß von entsittlichenden Einwirkungen lebt, die schon längst jedes Geschlecht aufgerieben haben würden, das nicht von dem ungemischten Blut des Kaukasus abstammte und nicht an den Gesetzen Mosis hinge — man denke sich einen solchen Menschen, für alle Anderen ein Gegenstand des Vorurtheils, des Widerwillens, des Ekels, vielleicht des Hasses. Die Zeit kommt heran und das Gemüth und *) Esrog. das Herz dieses Menschen füllen sich mit Bildern und Empfindungen, die zu allen Zeiten zu den schönsten und genialsten der menschlichen Erfahrung gehört haben, er wird von einem lebendigen, anmuthigen, freudigen und überwallenden Gegenstände erfüllt — einem Gegenstände, der Poeten begeistert und Götter geschaffen hat — der Ernte der Traube in den heimischen Regionen des Weinstocks. Er steht am Morgen auf, geht zeitig nach einem Markte in Whitechapel, kauft einige Weidenzweige, die er vorher schon bestellt hat und die wahrscheinlich von einem der nahen Flüsse von Essex Herkommen, eilt nach Hause, säubert den Hof seines elenden Hauses, baut seine Laube, schmückt sie sogar verschwenderisch mit den schönsten Blumen und Früchten, die er sich verschaffen kann, und wobei Myrthen und Zitronen niemals vergessen werden, und behängt das Dach mit bunten Lampen. Nach dem Gottesdienst in seiner Synagoge speist er mit seinem Weibe und seinen Kindern spät unter freiem Himmel zu Abend, als ob er in den anmuthigen Dörfern Galiläa's, unter dessen freundlichem-, gestirntem Firmament wohnte! Vielleicht, wahrend er den Kidusch, den hebräischen Segen über das hebräische Mahl spricht, und das Brod bricht und austheilt und mit einem Gebete den Becher Wein heiligt, den er in der Hand emporhebt — oder vielleicht wenn er das besondere Dankgebet des Lauberhüttenfestes spricht und Jehova für die Weinernte preist, welche seine Kinder nicht mehr einsammeln, aber auch für sein Versprechen, daß sie sich eines Tages derselben! wieder erfreuen werden und sein Weib und seine Kinder ' in ein frommes Hosianna! — das heißt: Segne uns!! — einstimmen — vielleicht gehen in diesem Augenblicke! einige Angelsachsen, sehr solide Leute, Zehnpsünder, vielleicht ein wenig aufgeregt, odschon nicht zu Ehren der Weinlese, an dem Hause vorüber und man hört von ihnen etwa folgende Worte: „Hort, Buggins, was ist denn bas für ein Krawall?" „Ach, das sind die verfluchten Juden; wir haben eine ganze Menge davon hier. Es ist heute eines ihrer entsetzlichen Feste. Der Lord Mayor sollte es nicht dulden. Jedoch, jetzt treiben sie es doch nicht mehr so toll wie sonst — in früheren Zeiten pflegten sie bei diesen Gelegenheiten allemal kleine Christenknaben zu kreuzigen, aber jetzt essen sie blos Bratwürste von stinkigtem Schweinefleisch."

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