Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1849)
- Date
- 1849-06-04
- Page
- Seite 311 (sequence 15)
- Language
- German
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311 „Za, ja," entgegnen der Andere, „der Fortschritt macht sich überall bemerklich... Szenen aus der Geschichte der Juden kurz nach der Zerstörung Jerusalems. Unter den zwischen dem Euphrat und Tigris liegenden, von Juden bewohnten Städten, waren besonders Nisi'b und Neerda als feste Platze bemerkenswerth. In der Folge erlangte dieselbe Stadt nebst zwei anderen babylonischen Staaten, Pumpedita und Sora, bei den Juden eine große Berühmtheit wegen der religiösen und nationalen Schulen, welche daselbst blüheten. In Neerda hatte eine Wittwe zwei Söhne, welche zu der Kunst, Teppiche für die Schiffe und zu Zelten zu weben, bestimmt waren. Als die beiden jungen Leute eines Tages zu spat zur Arbeit kamen, begnügte sich ihr Meister nicht, ihnen heftige Vorwürfe zu machen, sondern schlug sie sogar. Ueber diese Behandlung empört, bemächtigten sich die Söhne der Wittwe der im Hause aufbewahrten Waffen, riefen mehrere ihrer Freunde zur Hilfe und flohen in die Nahe von Babylon. An dem Orte ihres Aufenthaltes spaltete sich der Euphrat, so daß daselbst eine gute Position zur Vertheidigung war. Bald schwoll die kleine Truppe an. Nachdem sie eine Zitadelle erbaut und die Umgegend in Kontribution gesetzt, sagten die beiden jungen Abenteurer allen Bevölkerungen ihren Schutz zu, sobald sie ein Bündniß mit ihnen machten. Es war dies ähnlich, wie es die mittelalterlichen Burgherren machten, und ihre Stellung streifte ebenso sehr an die von Beschützern wie von Räubern. Die Soldaten, welche man von Babylon aus gegen sie sandte, wurden geschlagen. Der damalige König der Parther, Arsaces XIX. oder Artaban III., der fortwährend Handel mit den Großen seines Reiches hatte, zog es vor, die kriegerische Schaar zu benutzen, anstatt sie zu vernichten. Die Herrschaft der beiden Führer dehnte sich aus, wurde geordnet und erfreute sich bald des Beistandes der meisten diese Gegenden bewohnenden Juden, Aber nach einem 15jährigen Gedeihen riß die Liebe diejenigen ins Verderben, welche vom Glück des Krieges und dem Interesse der Politik begünstigt worden waren. Der älteste der beiden Brüder hieß wahrscheinlich Asiel, woraus Asinaus gemacht worden, der Andere Ankel, woraus Anilaus. Asiel hatte nur ein schwächliches, unschönes Aeußere, Anilaus dagegen sah edel aus. Ein parthischer Großer wurde als Gouverneur in eine der Provinzen gesendet, welche in der Nahe der Niederlassung der beiden Brüder war. Die Frau dieses Parthers war von so hoher Schönheit, daß Aniläus eine Leidenschaft zu ihr faßte, welche jedes Hinderniß überwand. Dem Gouverneur den Krieg erklären, ihn besiegen, seine Witwe entführen und sie heirathen war ein Entschluß, den er ebenso schnell ausführte als faßte. Von seiner eigenen Eroberung indeß unterjocht, ließ ec die babylonischen Götzen mitten im Lager der Juden ausstellen und einweihen, und vergeblich machten die Häupter der Nation dem Führer des kriegerischen Stammes ihre Vorstellungen dagegen. Ihr Eifer zog den Tod desjenigen nach sich, welcher das Wort dabei geführt hatte. Asiel, deffen Nachsicht gegen seinen Bruder sonst ohne Grenzen war, glaubte ihm in diesem Punkte doch entgegentreten zu müssen; aber die neue Helena, welche über die Dazwischenkunst eines solchen Nebenbuhlers erschrak, zog sich bald die Beschuldigung zu, daß sie Gift angewendet, um sich seiner zu entledigen. Aniläus, welcher nun allein Führer blieb, machte noch mehrere Unternehmungen, welche ihm gelangen, endlich verließ ihn das Glück; seine Mitbürger stützten ihn nicht mehr, und ec starb von der Hand aus Babylon gekommener Meuchelmörder. Die Rückwirkung von seinem Tode siel schwer aus die jüdische Bevölkerung der Stadt. So lange die Waffen der Tribus unter den Befehlen der beiden Brüder Ansehen gehabt, hatten die griechischen und eingeborenen Einwohner von Babylon, in Bezug auf die Einwohner von jüdischem Stamme große Rücksichten gezeigt. Aber sobald man den Untergang des Anilaus und seiner Krieger erfuhr, kamen alle alten Klagen, zu welchen ihre ersten Ausfälle Anlaß gegeben harten, wieder zum Vorschein und gaben der alten Nebenbuhlerschaft neues Leben. Ein großer Theil der in Babylon ansässigen Hebräer mußte fliehen und am Tigris in Seleucia Zuflucht suchen. (Fortsetzung folgt.)