Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1849)
- Date
- 1849-06-04
- Page
- Seite 309 (sequence 13)
- Language
- German
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309 „Ich sehe nicht ein," sagte Tankred nach einer kurzen Pause gedankenvoll, „daß die strafende Zerstreuung der hebräischen Nation für den großen Zweck des christlichen! Plans überhaupt wesentlich ist. Wenn kein Jude existirte, würde dieser Zweck gleicher Weise erreicht worden sein." „Und was haltet Ihr für diesen wesentlichen Zweck?" j „Die Sühnung." „Ah!" sagte die Dame in feierlichem Tone, „das ist ein großer Gedanke, der mit unseren Instinkten, unseren G.brauchen in Einklang steht. Er ist den Überzeugungen dieses Landes tief eingeprägt. In der Form, wie , Ihr Christen diese Lehre darbietet, verliert sie Nichts von > ihrer Erhabenheit, oder von ihren von Geheimniß, Kraft j und Trost erfüllten Hindeutungen. Ein geopferter Mitti ler bei Jehova, dieser sühnende Vermittler aus dem eri wählten Hause des auserwahlten Volkes geboren, der - aber in seiner unerklärlichen Natur das göttliche Wesen? mit den menschlichen Elementen verschmilzt, der von Anj beginn außersehen, und durch sein versöhnendes Blut die j Myriaden, die uns vorangegangen, und die Myriaden,! die uns folgen, ohne Unterschied des Glaubens und des! Himmelsstriches lautert — das ist es, was Ihr glaubt. - Ich erkenne diesen Ungeheuern Gedanken, so düster und i unbestimmt ihn auch mein Kopf theilweise umfaßt. Ich l verstehe so viel: das Menschengeschlecht ist erlöst, und , ohne die offenkundige Vermittelung eines hebräischen Für-! sten hätte es nicht erlöst werden können. Nun sagt mir: j gesetzt, die Juden hätten die Römer nicht überredet. Je-! sum zu kreuzigen, was wäre dann aus der Sühnung! geworden?" „Ich kann mir nicht gestatten, solche Zwischenfälle in Erwägung zu ziehen," sagte Tankred. „Der Gegenstand ist für mich zu hoch, als daß ich mit Vermuthungen daran streifen sollte. Ich darf nicht einmal ein Ereigniß betrachten, das von dem Schöpfer der Welt zahllose Jahrhunderte vorherbestimmt worden." „Ah!" sagte die Dame, „von dem Schöpfer der Welt seit zahllosen Jahrhunderten vorherbestimmt! Wo war damals das unsühnbare Verbrechen derer, welche die wohltätige Absicht erfüllen? Das heilige Volk lieferte das Schlachtopfer und die Opferer. Welches andere Geschlecht hatte mit einer solchen Leistung betraut werden können? War nicht Abraham bereit, selbst seinen Sohn zu opfern? Und mit einer solchen Lehre, welche allen Raum und alle 2eir, ja noch mehr, das Chaos und die Ewigkeit umfaßt, in der göttliche Personen handelnd austreten, und welche die Erlösung des ganzen Menschengeschlechts zum Gegenstände hat — könnt Ihr die erbärmliche Verfolgung eines einzigen Volkes mischen! Und dies ist praktisches, nicht doktrinäres Christenthum, es ist nicht in Eueren christlichen Büchern zu finden, welche alle von Juden geschrieben worden, sie muß von einigen jener Kirchen aufgestellt worden sein, auf die Ihr mich verweist. Uns verfolgen! Wie, wenn Ihr glaubtet, was Ihr bekennt, so müßtet Ihr vor uns knieen! Ihr errichtet Bildsäulen dem Helden, der ein Land rettet. Wir haben das Menschengeschlecht gerettet und Ihr verfolgt uns — weit wir es gethan haben." „Ich bin kein Verfolger," sagte Tankred mit Bewegung, „und wäre ich es gewesen, so würde mein Besuch in Bethanien mein Herz von so schwarzen Gedanken gesäubert haben." „Wir haben einige Schlüffe mit einander gemein," sagte seine Gefährtin ausstehend. „Wir geben zu, daß die Hälfte der Christenheit eine Jüdin anbetet, und die andere Hälfte einen Juden. Nun, laßt mich noch eine Frage an Euch thun: Welches haltet Ihr nun für das erhabenere Volk — das angebetete oder das anbetende?" Tankred blickte auf, um zu antworten, aber die Dame war verschwunden. Die Weinberge Israels haben aufgehört zu eristiren, aber das ewige Gesetz befiehlt den Kindern Israels noch die Weinlese zu feiern. Ein Volk, welches fortfährt, seine Weinlese zu feiern, obschon es keine Früchte einzuernten hat, wird seine Weinberge wieder gewinnen. Welch' eine erhabene Unerbittlichkeit in dem Gesetz! Aber welch' ein unbeugsamer Muth auch in dem Volke! Es ist leicht für die glücklicheren Sephardim, die Hebräer, welche niemals die sonnigen Regionen verlassen haben, die das Mittelmeer bespült — es ist leicht für diese, obschon sie ihr Erbtheil verloren, in ihren schönen astatischen Städten, oder in ihren maurischen und arabischen Gärten mit den anmuthigen religiösen Gebräuchen zu sympathisiren, welche wenigstens eine Huldigung für die gütige Natur sind. Aber denkt Euch das Kind Israels in der räucherigen dumpfigen Vorstadt oder dem schmutzigen Judenviertel irgend einer kahlen, öden Stadt des Nordens, wo niemals eine Sonne scheint, die unter irgend einer Bedingung Trauben zur Reife bringen