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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-06-04 · Heft 23 (4.6.1849) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 23 (4.6.1849)
Date
1849-06-04
Page
Seite 308 (sequence 12)
Language
German
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308 zum Gedächtniß der geheimnißvollen und mächtigen Vergangenheit." „Ihr Zustand fann ein wunderbarer sein, ohne eine Strafe in sich zu schließen. Aber weshalb wunderbar? Ist es ein Wunder, daß Jehova sein Volk hütet? Und kann er es bester hüten, als wenn er es mit Fähigkeiten begabt, die denen der Nationen, unter welchen es wohnt, überlegen fint)?" „Ich kann nicht glauben, daß blos menschliche Einwirkungen eine so lange andauernde und so vielen Wechselfällen unterworfene Bahn hatten unterhalten können." „Was menschliche Einwirkungen betrifft, so haben wir ein Sprichwort: „Der Wille des Menschen ist der Diener." Aber wenn Ihr einen Volksstamm zu erhalten wünscht, so giebt es kein besseres Mittel, als daß Ihr ihn aus seinem Lande verbannt. Besiegt ihn, und er wird sich mit den Siegern vermischen, aber man verbannt ihn, und er wird getrennt und ewig leben. Dieses Verbannen ist echt orientalisch — der modernen Welt ganz unbekannt. Wir sprechen von den Armeniern — diese sind Christen, und sehr gute, glaube ich." „Sehr orthodox, wie ich gehört habe." „Geht nach Armenien, und Ihr werdet keinen Armenier finden. Sie sind eine vertriebene Nation, wie die Hebräer. Die Perser eroberten ihr Land und jagten die Einwohner hinaus. Der Armenier hat ein Spricht wort: „In jeder Stadt des Orients finde ich eine Heimath." Sie sind überall die Nebenbuhler meines Volkes, denn sie sind einer der großen Volksstämme und nur' wenig ausgeartet, mit aller unserer Betriebsamkeit und einem hohen Grade unserer Energie, ich möchte sagen mit allen unseren menschlichen Tugenden, obschon sich nicht erwarten laßt, daß sie unsere göttlichen Eigenschaften besitzen; sie haben keine Götter und Propheten hervorgebracht und sind stolz darauf, daß sie ihre Religion auf einen der obskursten hebräischen Apostel zurückführen können — einen, der seinen großen Meister gar nicht gekannt hatte." „Aber die Armenier findet man blos im Orient," sagte Tankred. „Aha!" sagte die Dame mit einem sarkastischen Lächeln, „in der Verbannung nach Europa liegt also der Fluch! Nun, ich glaube, Ihr habt einigen Grund zu dieser Annahme. Ich weiß nicht viel von Eurem Erdtheil — Europa ist für Asien, was Amerika für Europa ist. Aber ich habe die Winde des schwarzen Meeres den Bosporus heraufwehen gefühlt, und als der Sultan uns einmal die Köpfe abschneiden wollte, weit wir den Egyptern geholfen hatten, brachte ich einige Monate in Wien zu. O, wie seufzte ich nach meinem schönen Damaskus." „Und nach Eurem Garten in Bethanien?" sagte Tankred. „Damals bestand dieser noch nicht. Er ist eine neuere Schöpfung," sagte die Dame. „Ich habe ein Nest in die Ritze der Hügel gebaut, damit ich hinaus auf Arabien schauen könnte, und der Palmbaum, der Euch einlud, mein Gebiet zu beehren, war der Beitrag meines arabischen Großvaters zu dem einzigen Garten in der Nähe von Jerusalem. Aber ich möchte noch eine Frage an Euch thun — welches Ding wird im Ganzen genommen in Europa am Höchsten geschätzt?" Tankred dachte nach und sagte nach einer kleinen Pause: „Ich glaube, ich weiß, was in Europa am Höchsten geschätzt werden sollte; es ist aber etwas ganz Anderes als Das, was, wie ich gestehen muß, am Meisten geschätzt wird. Meine Wange glüht, während ich es ausspreche; aber ich glaube, das, was in Europa am Meisten geschätzt wird, ist — Geld." „Also im Ganzen genommen," sagte die Dame, „wird der, welcher das meiste Geld hat, am Meisten geehrt?" „Im praktischen Leben, fürchte ich, ja." „Welches ist die größte Stadt in Europa?" „Ohne Zweifel die Hauptstadt meines Vaterlandes, London." „Ich weiß, daß sie größer ist als Wien, aber ist sie größer als Paris?" „Vielleicht noch einmal so groß." „Also vier Mal so groß als Stambul! Welch' eine Stadt! Das ist ja ein zweites Babylon! Wie reich muß der Mann sein, der da am Meisten geehrt wird! Sagt mir, ist er ein Christ?" „Ich glaube, er gehört Euerm Volke und Glauben an." „Und in Paris — wer ist der reichste Mann in Paris?" „Ich glaube der Bruder des reichsten Mannes in London." „Wie es in Wien steht, das weiß ich," sagte die Dame lächelnd, „Cäsar macht meine Stammgenossen alle zu Reichsbaronen, und das mit Recht, denn ohne ihre Unterstützung würde er in einer Woche in Stücken gehen. Nun, Ihr werdet zugestehen, daß der europäische Theit des Fluches nicht sehr verderblich gewirkt hat."

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