Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1849)
- Date
- 1849-06-04
- Page
- Seite 307 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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807 Tankred gab durch ein leises Neigen des Kopses zu erkennen, daß er die Frage bejahrte. „Weshalb glaubt Zhr das?" fragte die Dame. „Es ist die Strafe, die dem jüdischen Wolke auferlegt worden, weil es den Messias nicht anerkannte und ihn kreuzigte." „Wo ist diese Strafe ausgesprochen?" „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." „Das sagten die Verbrecher, nicht der Richter. Ist rs ein Grundsatz Eurer Gerechtigkeitspflege, dem Schuldigen zu gestatten, daß er selbst seine Strafe bezeichne? Er könnte ja eine härtere verdienen. Weshalb sollte er einen Theil der Strafe auf die Nachkommenschaft übertragen? Welchen Beweis habt Ihr, daß die Allmacht das Anerbieten annahm? In Euren Geschichten steht Nichts davon. Eure Aussage ist das Gegentheil. Er, den Ihr als Allmächtigen anerkennt, betete zu Jehova, daß er seinen Feinden verzeihen sollte, denn sie wüßten nicht, was sie thäten. Aber zugegeben, daß das Anerbieten angenommen ward, was nach meiner Meinung Gotteslästerung ist, soll das Geschrei des Pöbels bei einer öffentlichen Hinrichtung eine Nation binden? Es gab eine große Partei in dem Lande, die damals Jesu nicht abgeneigt war, besonders in den Provinzen, wo er drei Jahre lang und im Ganzen genommen mit vielem Erfolge gewirkt hatte; sollen diese und ihre Kinder auch leiden? Aber Ihr werdet sagen— diese wurden Christen. Zugegeben. Wir waren ursprünglich eine Nation von zwölf Stammen, zehn davon waren lange vor der Ankunft Jesu in die Gefangenschaft geführt und über den Orient und die mittelländische Welt zerstreut worden. Diese sind wahrscheinlich die Vorväter des größer» Theils der jetzt lebenden Hebräer, denn wir wissen, daß selbst zur Zeit Jesu zum Paschaftste aus jeder Provinz des römischen Reiches Hebräer hinauf nach Jerusalem kamen. Was hatten diese mit der Kreuzigung zu thun?" „Das Schicksal der zehn Stämme," sagte Tankred, „ist eine sehr interessante Frage, aber wie ich fürchte, in undurchdringliches Dunkel gehüllt. In England giebt rs Viele, welche glauben, daß sie durch die Afghanen repräsentirt werden, die da sagen, ihre Vorväter seien den Gesetzen Mosi's gefolgt. Aber vielleicht hörten sie auf zu rxistiren, und vermischten sich mit ihren Besiegern." „Die Hebräer haben sich niemals mit ihren Siegern vermischt," sagte die Dame stolz. Sie wurden häufig überwunden, wie alle kleine Staaten, die mitten unter eifersüchtigen größeren Reichen liegen. Syrien war das Schlachtfeld der großen Monarchien. Jerusalem ist nicht öfter erobert worden, als Athen, oder schlechter behandelt, aber sein Volk focht unglücklicher Weise zu tapfer, und empörte sich zu oft, so daß es endlich aus dem eigenen Lande getrieben wurde. Ich bin der Meinung, daß die Annahme, die hebräischen Gemeinden seien der Mehrzahl nach die Nachkommen der zehn Stämme, und der anderen Gefangenschaften vor Jesu Zeiten, ein richtiger, ehrlicher und verständlicher Schluß ist, der Umstande erklärt, die außerdem unerklärlich sein würden. Aber lassen wir das. Wir wollen annehmen, daß alle Juden in allen Städten der Welt die direkten Nachkommen des Pöbels seien, der bei der Kreuzigung tobte und brüllte. Doch noch eine Frage! Mein Großvater ist ein Beduinenscheik — der Häuptling eines der mächtigsten Stämme der Wüste. Meine Mutter war seine Tochter. Er ist ein Jude — sein ganzer Stamm besteht aus Juden — sie lesen und befolgen die fünf Bücher, leben in Zetten, haben Tausende von Kameelen, reiten Pferde von der Nedsched-Race und kümmern sich um Nichts als Jehova, Moses und ihre Stuten. Waren sie in Jerusalem bei der Kreuzigung, und berührt sie das Geschrei des Pöbels? Und doch heirathete meine Mutter einen Hebräer der Städte, einen Mann, der fähig wäre, auf dem Throne des Königs Salomo zu sitzen, und ein kleiner christlicher Wilder mit einem runden Hute, der in Smyrna Feigen verkauft, laust auf die andere Seite der Straße hinüber, damit er nicht von dem Blute eines Mannes befleckt werde, der seinen Heiland kreuzigte, wahrend sein Heiland nach seiner eigenen Behauptung einer der Fürsten unseres königlichen Hauses war. Nein, ich will niemals ein Christ werden, wenn ich solchen Sand essen soll! Er ist nicht in Euren Büchern zu finden. Sie wurden von Juden geschrieben, Menschen, die viel zu gut mit ihrem Gegenstände bekannt waren, als daß sie solche Geschichten von den Philistern wie diese hätten niederschreiben sollen." Tankred schaute sie mit inniger Theilnahme an, als ihr Auge Feuer sprühte und ihre schöne Wange einen Augenblick von der dunkelrothen Wolke der Entrüstung überhaucht war, und dann sagte er: „Ihr sprecht von Dingen, welche mich höchlich interessi'ren, sonst würde ich nicht in diesem Lande sein. Aber sagt mir — es läßt sich nicht läugnen, daß, worin auch die Ursache bestehen mag, das Wunder vorhanden ist, und daß die Hebräer allein von den alten Völkerraren noch da und in jedem Lande zu finden sind —