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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-06-04 · Heft 23 (4.6.1849) · p. Seite 305

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 23 (4.6.1849)
Date
1849-06-04
Page
Seite 305 (sequence 9)
Language
German
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305 Rußland. Kofel, im Mai. Die Nat. Zeit, enthält vo>i hier eine Schilderung der russischen Truppen, die hier nach Oesterreich durchpassirten; in derselben heißt es: Außerdem befanden sich in dem Zuge 45 sämmtlich deutsch redende Juden. Letztere werden ihrer eigenen Aussage nach in ihren Religionsübungen auf dem Marsche keineswegs gestört, sind am Schabbes sogar vom Dienst dispensirt, nur müssen sie, wenn sie eines religiösen Zuspruchs bedürfen, statt eines Rabbi mit dem Regimentspopen vorlieb nehmen. Literarische Nachrichten. Magdeburg, 29. Mai. Es liegen schöne Zeiten hinter uns. Eine der schönsten war jene, wo die Strahlen ausgingen, um ein erwachendes Leben zu durchblitzen, und es zum raschen Fluge, Jahrhunderte in Jahrzehenden nachzuholen, zu befähigen; jene Zeit, wo der Geist glaubte, nur die Humanität, die sanfte Menschenliebe predigen zu dürfen, um auf immer die Finsterniß durch das Dunkel, das Vorurtheil durch die Aufklärung, den Haß durch die Liebe zu verdrängen; jene Zeit, wo die Erfolge in den erleuchteten Geistern so schnell waren, daß man wähnen durste, in Kurzem, und die gesamrnte Menschheit ist überwunden. Der Genius, der Repräsentant dieser Zeit hieß Moses Mendelssohn; nicht Lessing, denn der schleuderte schon die Fackel der Kritik in das Pulverfaß. Ha, sie ahnten nicht, was für eine Zeit darauf kommen würde, eine Zeit, welche die gesammte Autorität der Vergangenheit über den Haufen werfen, welche die Satze der Humanität nicht von den Individuen gegen die Individuen geübt wissen, sondern die ganze Ordnung der Gesellschaft darauf bauen wollte, welche hiefür das Schwert ziehen und mit blutiger Gemlt erobern wollte, was jene in ihrer naiven Unschuld irur dem milden Friedensworte anheimstellten. Jene Zeit des Regenbogens, der aber nicht nach, sondern vor dem Sturme erschien, sie wird immer liebenswürdig und ehrenwerth erscheinen. Sie tritt vor uns, wie ein sanfter Vater vor den leidenschaftlichen Sohn, den Vorwurf nur im liebevollen Blick und auf der gebogenen Eippe; denn zuletzt muß der Vater doch gestehen, er habe den Sohn hierzu erzogen, und was kann der Sohn dafür, daß er, in der gewaltigen Gluth des Herzens, nicht in der altväterlichen Sanftmuth verblieben, die sich vor dem Ignoranten beugte, obschon sie im Herzen wußte, daß sie es besser wisse. Aber es wird dem stürmischen Sohne immer gut thun, wieder einmal vor den milden Vater zu treten, und aus dessen Antlitz etwas mehr Ruhe, also etwas mehr Weisheit zu ziehen. Ja, ich rathe Euch, wenn Euch einmal — und es wird dies jetzt oft genug geschehen — wenn sich Euch einmal das Herz krampfhaft zusammen;iehc vor dem Blatte Geschichte, das jetzt geschrieben wird — so nehmet ruhig einen Band von Mendelssohns Werken in die Hand, und leset. Ihr werdet wahrscheinlich die ersten Zeilen lesen, ohne Aufmerksamkeit, ohne zu wissen, was Ihr leset; bald aber sammelt Ihr Euch, Ihr fasset Euch, Ihr werdet gefesselt, Ihr leset weiter, und legt Ihr das Buch aus der Hand, so seid Ihr ruhig geworden, und Ihr gestehet Euch ein, es giebt doch noch etwas Anderes außer der Politik, und kommen wird die Zeit, wo die Menschheit sich diesem auch wieder zuwendet, und auch Dieses beglücket, wol noch eher .... Unsre Leser fragen uns, wie so wir hierauf kommen. Es ist einfach; wir bekamen in diesen Tagen ein neues, lithographirtes Porträt von Moses Mendelsohn zügelnde. Es ist soeben von einem Originalgemälde, welches im Besitz des Herrn Banquier Alexander Mendelssohn ist, genommen, und wir müssen gestehen, wir haben, trotz den vielen schon vorhandenen, doch noch kein besseres von dem Antlitz des unsterblichen Weltweisen gesehen. Seht Ihr die hohe, reine Stirn, seht Ihr das klare, forschende und doch milde Auge, diese beredten Lippen, wie geschaffen, daß der süße Strom sanfter Beredtsamkeit ihnen entfließe; seht Ihr dann diesen Zug des Leidens um Nase und Mund, diese Erhöhungen und Vertiefungen auf den Wangen, Zeugen, daß vieles Weh mit ausdauernder Kraft überwunden worden; das Kinn zieht sich etwas scharf vor, bekundend, daß der Sieg auf den Boden des Scharfsinns errungen war, und von kurzem, aber dichtem Barte unterschattet — Ihr wisset, daß es Moses Mendelssohn ist; darüber das steif geordnete Haar, darunter der Ktapprock und die breite Weste über den engen Brustkasten, die schmalen Schultern, an das ganze Jahrhundert des Mannes erinnernd. Ihr könnt ihn nicht verkennen. Wir empfehlen diese Lithographie dringend allen denen, welche noch ein liebevolles Andenken für den Vater der modern-jüdischen Kultur hegen, als eine sehr ge- 23*

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