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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-05-28 · Heft 22 (28.5.1849) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 22 (28.5.1849)
Date
1849-05-28
Page
Seite 287 (sequence 3)
Language
German
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287 sondern nach ihrem wahren Umfange, so müssen wir erkennen, daß die Juden ebenso zur Opposition gegen den Absolutismus, wie gegen Anarchie und Pöbelherrschast angewiesen sind, d. h. mit anderen Worten: zur kräftigen Entwickelung des wahren Rechts und der wahren Volksfteiheit. Die Geschichte weist die Juden an, kein „zersetzendes Element der Gesellschaft" zu sein, da sie nur Ln einer auf dem Rechte und der Volksfteiheit geordneten Staatsgesellschaft ihren Bestand finden können. Aber die Geschichte macht viel, doch nicht Alles. Werfen wir einen Blick auch auf die gegenwärtigen Verhältnisse. Der größere Theil der Juden existirt vom täglichen Verkehr. Wir übergehen die Spekulanten, die Aktionäre, die Bankiers, ja selbst die Grossisten, ja selbst die mittleren Kaufleute. Die größere Masse der Juden lebt vom täglichen Verkehr, und hat, sobald dieser stockt, nur— das Hungertuch übrig. Die größere Masse der Juden ist also durch ihre Verhältnisse auf die Ruhe, auf die Ordnung angewiesen, gegen jede Störung des Verkehrs. Sie geht unter, sobald dieser auf längere Zeit daniederliegt. Sie kann nicht, wie eine nicht unbeträchtliche Zahl Anderer, auf die Revolutionen und Emeuten spekuliren. — Aber von der andern Seite, ein nicht ganz kleiner Theil der Juden kann seine Zukunft nur aus die wirkliche Durchführung echt konstitutionellen Lebens bauen. Alle geistigen Kräfte unter den Juden sind hierauf angewiesen. Mag zehnmal das Prinzip der Gleichstellung auf dem Papiere stehen, die Rückkehr des Absolutismus würde sie aller Aussichten berauben, auch nur den geringsten Wirkungskreis zu erlangen. — Also auch hier dasselbe Resultat. Die kräftige Entwickelung des konstitutionellen Staates, unter dessen Schatten weder der Verkehr unaufhörlicher Störung unterworfen, noch die Wirksamkeit den geistigen Kräften der Juden abgeschnitten wäre, diese allein ist es, worauf die Juden auch durch ihre gegenwärtigen wirklichen Verhältnisse angewiesen sind. Die wachsende „Zersetzung der Gesellschaft" würde sie gewissem Untergänge entgegenführen. Aber auch dies macht noch nicht Alles. Man spricht von dem Charakter der Juden, von der Geistesrichtung der Juden. Seitdem die Harfe von Zijon verstummt und das geflügelte Wort der Propheten verhallt ist, haben die Juden vorzugsweise der Entwickelung des ätzenden und zersetzenden Scharfsinns obgelegen, und die traurige Folge der Zeiten konnte diese Richtung nur insonders fördern. Wir geben es zu. Und dieser zersetzende Scharfsinn ist es, der in jedem bestehenden Dinge die Mängel und Fehle nicht allein aufzusinden versteht, sondern auch aufzusuchen drängt. Ec vermag dies nur, indem er den scharfen Zahn an die zerlegten Dinge fetzt, ohne aber den innern Zusammenhang, den organischen Mittelpunkt zu begreifen. Dies, sagt man, sei der Charakter der Juden, und von dieser psychischen Kraft getrieben, seien sie nur dazu da, die Zersetzung des Bestehenden zu fördern, nicht aber selbst das Gute in ihnen zu erhalten, oder an die wesenhafte Umgestaltung Hand anzulegen. — Man sieht, wenn man die Dinge einseitig auffaßt oder auffassen will, findet man überall einen geschickten Henkel. Aber wie? wo giebt es denn noch ein Volk der Tradition, wie die Juden? wo findet sich denn ein zäherer Autoritätsglauben als bei den Juden? Welche Konfession ist denn hartnäckiger in der Konservirung des Hergebrachten, der Gewohnheit, des Gebrauchs, der Sitte, als die Juden? Wäre was Ihr von dem Charakter der Juden aussaget, Alles, was ihn ausmacht, wo wäre die jüdische Religion, wo der jüdische Kultus insonders vor jener dämonisch zersetzenden Kraft geblieben? Ware er nicht tausendmal in Fetzen zerfallen, während er fort und fort, allein durch das Festhalten des Bestehenden besteht? Also jene Richtung muß die Juden doch nur sehr einseitig beherrschen, es muß im Charakter der Juden noch eine andere Tiefe vorhanden fein, die gerade das Gegentheil enthält, und jener nicht allein die Wage hält, sondern sie noch überragt! Und hierzu kommt noch eine andere Wahrnehmung. Ich kann als ein gewissenhafter Beobachter ganz unparteiisch aussprechen, daß es leicht keinen Stamm giebt, in welchem leichter die Flamme des Enthusiasmus für eine geistige Anregung zu entzünden ist, als die Juden. Lang andauernd, das gestehe ich, ist diese Flamme bei ihnen nicht, es ist eben mehr Entzündbarkeit, die immer neue Nahrung verlangt. Es ist dies aber eben ganz natürlich, da sich diese Entzündbarkeit auf die psychische Beweglichkeit gründet. Aber wo bleibt das zersetzende Grundelement vor dieser Entzündbarkeit. Der zersetzende Scharfsinn ist der unüberwindlichste Gegner des Enthusiasmus, er läßt diesen gar nicht an sich herankommen; es geht von ihm ein erkaltender Hauch aus, der keine Flamme, keine Glut aufkommen laßt. Alles dies ist Wahrheit, und weil es Wahrheit ist, schlägt es die Gegner. Wenn der zersetzende Verstand der Juden sie befähigt, die Dinge scharf zu beurtheilen, so bestimmt sie wieder die in ihnen lebende Richtung für Autorität, Gesetz, Bestehendes die Stützen der gesellschaftlichen Ordnung zu sein, so befähigt ihre Entzündbarkeit

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