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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-05-28 · Heft 22 (28.5.1849) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 22 (28.5.1849)
Date
1849-05-28
Page
Seite 286 (sequence 2)
Language
German
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286 aus vielen zusammenwirkenden Momenten. Die Anlagen, der Charakter, die Erziehung tragen viel dazu bei, sehr viel aber insonders die Geschicke, die Ereignisse, die auf den Menschen einwirkenden Verhältnisse. Ist dies selbst bei den selbstständigen, selbstthätigen und begabten Geistern der Fall — wie viel mehr bei der großen Masse. Daher oft der große Umschwung, Abfall und Veränderung in kurzer Zeit, die bei Prinzkpkenmenschen, bei Menschen, die auf selbstgefundenen Grundsätzen stehen, unerklärlich wären. Die Erwägung dieser Wahrheit würde die Parteien milder stimmen in der Beurtheilung ihrer Gegner, wenn die Erbitterung, der Fanatismus überhaupt ruhige Erwägung zuließe. Zum Theil kann daher das Individuum gar Nichts für seine politische Richtung, sie ist bei den Meisten keine genommene, sondern eine gegebene, aus der ganzen Genesis seines Geistes und Lebens gewordene. Allerdings lehrt uns dies aber auch, wenn wir in die politische Richtung einer großem Masse uns versenken wollen, diese nicht blos theoretisch anzuschauen, sondern die äußeren Verhältnisse sehr zu berücksichtigen. Man muß da fragen, mußte die und die politische Richtung aus den Verhältnissen heraus sich im großen Ganzen bildenist aber dieselbe eine so nothwendig charakteristische und psychologische, daß sie eine Naturnothwendigkeit ist? oder wäre sie der Natur nach eine andere, wenn die aufgezwungenen Verhältnisse aufhören würden? Gehen wir von diesen Ansichten aus, so ist wol Nichts schwieriger. Nichts verworrener, als die jüdische Masse auf diesem Gebiete zu beurtheilen. Es giebt so leicht kein komplizirteres psychologisches Räthsel, als den jüdischen Stamm. Sehen wir auf seine Geschicke in den letzten zwei Jahrtausenden — so langer Zeiträume Wirkung ist Alles bei den Juden — so muß man zugeben, daß die Opposition die natürliche Aufgabe der Juden im großen Ganzen fei. Das Regiment, das jetzt das alte genannt werden muß, hat lange, nachdem das Bewußtsein der Zeit jede politische Beschränkung aus konfessionellen Gründen verworfen hatte, mit dem Machtspcuch der Gewalt die Juden in größtem Nachtheil gehalten, hat immer von Neuem Zurücksetzung, Abweisung, Ausnahmen für die Juden gehabt. So oft auch die Juden sich hingeben wollten, so oft sie sich zu allen Opfern verstanden und drängten, immer wieder wurde der Bann über sie ausgesprochen. Kaum war das Edikt von 1812 in Preußen erschienen, als sie sich flugs den Kämpfern um Deutschlands Selbstständigkeit einreiheten z aber bald nach dem Frieden wurden die kostbarsten Paragraphen jenes Edikts gestrichen, wurden alle geistigen Kräfte der Juden wieder verwiesen, wurde jede religiöse Erhebung der Juden mit unerhörten Machtsprüchen erdrückt, wollte man ihnen altfränkische Schimpfnamen wieder aufdrangen, und so fort, und so fort. Ging es in Baiern anders, wo man das ganze Unkraut der Ausnahmsgesetze üppig wuchern ließ? Haben wir vergessen, wie die kurfürstliche Regierung Hessens die promulgirte Gleichstellung zum Trugbitde machte? vergessen die Ausschließungen in Sachsen? vergessen, wie Lübeck die Juden verjagte, Frankfurt sie um ihre wohlerworbenen Rechte betrog? Und wer zählt noch alle Unbille auf! Da kann es wol nicht anders sein, als daß das geschichtlich angewiesene Feld der Juden die Opposition gegen das alte Regiment fei. Wer kann vernunftgemäß von ihnen eine Liebe, einen Enthusiasmus verlangen für ein Regiment, das nie aufhört, sie in's Angesicht zu schlagen? Jndeß ist hiermit die Geschichte der Juden erschöpft? Es ist Jenes nur die eine Seite. Die andere Seite darf nicht übersehen werden. Wenn jene Seite vieles Weh des Herzens und Geistes den Juden bereitete, so ist die andere — mit ihrem Blute getränkt. Die Juden haben immerfort gelitten unter der Herrschaft des Absolutismus — aber sie haben oft genug noch furchtbarer, nur vorübergehender, unter der Herrschaft des Pöbels gelitten. Wenn das Volk erhitzt, wenn die Masse erregt war: zuerst wandten sie sich immer gegen die Juden, plünderten, mißhandelten, mordeten sie. Wir brauchen hierum nicht bis in das sechszehnte Jahrhundert hinabzusteigen; die Zwanziger unsers Jahrhunderts, die Zeit der s. g. Deutschthümelei hat dessen manches Beispiel aufzuweisen; und wie? gehet nach Baden und Preßburg und Prag und anderen Orten, und ihr werdet davon Trübseliges — aus dem vorigen Jahre erfahren. Und es schlummert dies immer nur noch unter der Decke. Die Zeitungen voriger Woche kündeten an, daß ein Aufstand in Prag mit einem „Judenkrawall" beginnen sollte. Ob dies wahr oder unwahr sei, wollen wir nicht untersuchen, aber genug, daß die Meinung vorhanden, oder selbst nur die Vermuthung ausgesprochen werden konnte. Und in diesen Tagen meldete man uns, daß der badener „Landesausschuß" eine Verwarnung vor Aufregung gegen die Juden ergehen lassen mußte. Fürwahr, wissen dies die Juden nicht, und wären sie thöricht genug, zu fördern, was ihnen zunächst zum Unheil ausfallen würde? Befragen wir also die Geschichte, nicht einseitig,

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