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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-05-21 · Heft 21 (21.5.1849) · p. Seite 283

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 21 (21.5.1849)
Date
1849-05-21
Page
Seite 283 (sequence 11)
Language
German
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883 Einfachheit herabzusetzen, und die Gemeinde unisono singen zu lassen. Es hat dies den Vortheil zugleich, daß die Gemeinde bei dem Gottesdienste selbstthatig beschäftigt werde. Aber hier zeigen sich als Schwierigkeiten: 1) daß die Gemeinden sich nur zu wenigen Melodieen bringen lassen, 2) daß, so lange keine Instrumente angewendet werden, der Gesang der Gemeinde immer wieder zu dem alten Geheut und der alten Unordnung entartet. Der Eine fangt jetzt, der andere einige Sekunden spater an, der Eine verändert die Melodie so, der Andere so, der Eine läßt so aus, der Andere anders. Dies sind die Nebel, denen auf wahrhafte Weise nicht abgeholfen werden kann, wenn nicht die Synagoge Instrumente zuläßt. Eine andere Frage ist der Choral. Der Wunsch, das deutsche Element in der Synagoge zu verstärken, ist allgemein. Sehen wir nun von dem Gottesdienst der Reformgenossenschaften ab, wodurch soll diese Verstärkung geschehen? Ja, man beschneidet das Hebräische, man streicht die Piutim, man fängt mit rmrnv'' an, man nimmt den dreijährigen Zyklus an. Was will man nun dafür einschieben? Deutsche Choräle. Dies ist es, wovor ich warnen möchte. Man mag sagen, was man will: der protestantische Choral ist veraltet, ist ein den Juden nicht angemessenes, nicht zusagendes Element, er ist sehr langweilig, er zieht sich sehr in die Länge, mit dem Geiste ist man am Ende des ganzen Liedes, während der Gesang noch in der Mitte der ersten Strophe ist. Der deutsche Choral ist gerade das Gegentheil von dem jüdischen Piut. Dieser wird gejagt und ist seiner Natur nach bestimmt, in Galopp abgemacht zu werden; jener wird breit und weit gezogen, und hat kein Ende. Dieser, der Piut, hat viele Worte und wird schnell gesagt, jener hat wenig Worte und wird langsam abgeleiert. Dieser soll sehr tiefsinnig sein, jener soll sehr wässerig sein. Kurz, das Eine durch sein gerades Gegentheil zu ersetzen, ist ein gewagtes Experiment, das völlig scheitern muß. Ich warne daher davor, und rathe den deutschen Choral nur mit vieler Sparsamkeit in die Synagoge einzuführen. Kuriosum. Heinrich Heine. So groß auch die Zeit ist, größer als die Menschen, die sie getroffen; so gewaltig auch der Riesenschritt der Ereignisse, die über uns dahingehen, je weniger daher der Einzelne große Beachtung jetzt erhalt und — verdient: so kann man doch immerhin einen unbenutzten Augenblick auf die Größen der Vergangenheit, namentlich auf bereits gefallene Größen, deren Ruinen zeigen, daß in ihrem ehemaligen Glanze doch irgend eine bedeutende Lücke vorhanden gewesen sein mußte, daß sie so schnell verfallen sind, verwenden. So Heinrich Heine, der frühere Jude, dann getauft, dann alle Religion nicht sowol verneinend, als vielmehr bespöttelnd, bewitzelnd, und in seiner Vergötterung der Sinnlichkeit bis zur Gemeinheit herabsinkend, immer aber der brillante Geist, der Dichter, in einzelnen Momenten von hoher Genialität. Vor Kurzem hieß es, er sei fromm geworden, gehe an Krücken zur Messe, habe selbst ein Gebetbuch geschrieben. Darüber ließ er eine „Berichtigung" in die Allg. Zeitung rücken, die einen bemerkenswerthen Schluß hat. Er sagt nach mancherlei Scherzen über seine Krankheit: „In manchen Momenten, besonders wenn die Krampfe in der Wirbelsäule allzu qualvoll rumoren, durchzuckt mich der Zweifel, ob der Mensch wirklich ein zweibeiniger Gott ist, wie mir der selige Professor Hegel vor 25 Jahren in Berlin versichert hatte. Im Wonnemond des vorigen Jahres mußte ich mich zu Bette legen, und ich bin seitdem nicht wieder aufgestanden. Unterdessen, ich will es freimüthig gestehen, ist eine große Umwandlung mit mir vorgegangen: ich bin kein göttlicher Bipede mehr; ich bin nicht mehr der „freieste Deutsche nach Göthe", wie mich Rüge in gesünderen Tagen genannt hat; ich bin nicht mehr der große Heide Nr. II., den man mit dem weinlaubumkränzten Dionysus verglich, während man meinem Kollegen Nr. I. den Titel eines großherzoglich weimar'schen Jupiters ertheilte; ich bin kein lebensfreudiger, etwas wohlbeleibter Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener herablächelte — ich bin jetzt nur ein armer todkranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch!" Also Heine ist kein Heide, kein Hellene mehr, er ist auch kein Nazarener — er ist jetzt „ein armer, todtkranker Jude". Nachdem er den schaumenden Becher der Lüste, der geistigen und leiblichen Lüste ausgetrunken, und ihm nur noch die bitteren Hefen geblieben, da wird er, um diese Hefen erträglich zu finden, wieder Jude, fühlt sich Jude, ist sich als Jude bewußt! Merken wir uns dies. Als er in üppigem Uebermuth die Kräfte des Lebens vergeudete, da war er der triumphirende Heide, der wohlbeleibte Hellene, da schlug er dem Judenthume in's Angesicht, und sagte: „das Judenthum ist gar keine Religion, es ist ein Unglück" — jetzt, da das Unglück

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