Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1849)
- Date
- 1849-05-21
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
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274 Einem Tage ward Rom nicht gebaut, oder, wie Jesajas sagt: an Einem Tage wird ein Volk nicht geboren — die Leute sind des Kampfes müde, und wollen Ruhe; sie wollen zukünftige Güter, welche sie noch nicht sehen, nicht mit gegenwärtigen Verlusten erkaufen, und sind deren überdrüssig. Es ist daher eine außerordentliche Erschlaffung der Geister eingetreten, in welcher sie nach dem Dagewesenen scheu n, wie nach einer Zeit des Glückes. Wie gesagt, es ist nicht Servilismus, es ist nicht Egoismus, es ist die natürliche Neigung des Menschen, den nicht die Ueberzeugung, sondern nur das Bedürfniß nach Wohlbehagen durchdringt. Diese jüngste Richtung der Geister macht sich nun auch auf dem religiösen Gebiete heimisch, und läßt sie das Alte achten und darum konserviren. Sie holen sich den Grund davon her: wir sehen durch die Reformen den religiösen Geist abschwächen und sich der Irreligiosität, dem Pan- und Atheismus in die Arme werfen; lieber wollen wir etwas abgeschmackte Form dulden, als einen verdorbenen Geist groß ziehen. Ich will die Täuschung dieser Männer nicht bekämpfen; ich wollte nur diese neue Erscheinung fixiren. Freilich! bedenken die Herren nicht, daß sich das Vergangene nie wieder ganz Herstellen läßt, alles Halbe aber keine Dauer hat, und daß in der Thal die Kundthuung des entgegengesetzten Extrems erst überwunden werven muß, bevor bas Neue eine dauerhafte Gestalt gewinnen kann. Doch sehen wir von allem Politischen ab. Ich stimme mit Ihnen gänzlich darin überein, daß das moderne Judenthum, d. i. das Judenthum, welches dem alten Formwesen seine durchaus souveräne Gewalt genommen, aber sich destomehr in der Lehre und dem aus ihr fließenden Siltlichkeitsgesetze vertieft, ich verstehe aber mit Ihnen hierunter nicht blos das ethische, sondern auch soziale Gesetz, ich sage, daß dieses moderne Judenthum, während es, als es allein der Orthodoxie gegenüberstand, keine feste Wurzel schlagen konnte, jetzt, wo ihm ein furchtbarer Feind im Pantheismus gegenübertritt, der seine Giftrankcn überall hin sendet, in diesem Kampfe stark und kräftig werden, und innerhalb dieses Kampfes auch seine angemessene Form finden wird. Es ist nun einmal das Geschick alles Menschlichen, nur durch den Kampf sich zu entwickeln und schlummernde Küme zu wecken. Ja, darf ich mich einer frohen Ahnung überlassen, so sehe ich das Judenthum hieraus seine Zukunft entwickeln. Mögen daher immerhin in der Jugend viele Jünger des Pantheismus entstehen — es kommt darüber zum geistigen Durchbruch, und dadurch zu einer festern Gestalt für das zukünftige Judenthum. Die vorübergehende Laune am religiösen Konservatismus des Formellen wird dann um so eher darin aufgehen, da diese Laune keinenfalls stark genug ist, die Herren für ihre Personen von der Nichtachtung des jüdischen Zeremoniales zurückzubringen, sondern nur — was ihnen bequem ist — für den öffentlichen Gottesdienst. Berlin, 14. Mai. (Privatmitth.) Ein Zirkulär fordert die Gemeinde auf, Sonntag den 20. h. sich zu einer Generalversammlung zu versammeln. Ein „Reglement", welches Dr. Rubo ausgearbeitet hat, soll als ein Gemeindestatut vorgelegt, von der Versammlung diskutirt und genehmigt werden. Es laßt sich nach der allgemeinen Stimmung annehmen, daß zwar ein heftiger Disput sich darüber erheben, aber eine ziemliche Anzahl „mitteler Leute", welche beide Extreme vermeiden wollen, sich dafür bestimmen wird. Am Ende kommt es auf nichts Anderes hinaus, als die bisherigen Angestellten, Dr. Rubo an der Spitze, in ihren Gehältern zu erhalten, und das macht bei einer so ansehnlich dotirten Gemeinde wie Berlin keine so großen Schwierigkeiten. Der Eifer für Reform ist so völlig erloschen, und Bestrebungen der Art für die große Gemeinde finden keinen Anklang. Die politisch der Reaktion huldigenden Geister — nicht aus Prinzip, sondern aus Bedürfniß — werfen sich auch auf die Seite der religiösen Reaktion, und fordern Ruhe auf allen Gebieten. Posen, 12 Mai. (Privatmitth.) Wir stehen hier auf einem Vulkan. Die Polen erwarten nur die Erfolge der ungarischen Waffen, um wieder loszubrechen. Die Juden des Herzogthums leben daher in banger Ahnung, da sie von der polnischen Erhebung das Aergste zu erwarten haben. Mittlerweile bleiben sich die Polen konsequent, kaufen Nichts von den Juden, vermeiden mit diesen allen geschäftlichen Verkehr. Die materiellen Verhältnisse sind schrecklich. Ein Kaufmann nach dem andern macht Banquerout, und wandert dann nach Amerika aus. Daß unter solchen Verhältnissen auch die inneren Verhältnisse in immer größern Verfall gerathen, läßt sich voraussetzen,