Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1849)
- Date
- 1849-05-14
- Page
- Seite 263 (sequence 3)
- Language
- German
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von Neuem wieder geboren hat, und in den Reihen aller Gtaubenßparteien sehr zahlreiche Anhänger zählt, wenn auch viele unbewußte, unklare. Es ist also offenbar, daß das Judenthum seine viertausendjährige Bestimmung noch heute zu erfüllen, ja daß es nicht weniger starke und entschiedene Gegner jetzt zu bekämpfen hat, als je; daß es sich daher auch heute darum handelt, mit Festigkeit und Kraft um diese Lehre sich zu schaaren, und dem einbrechenden Verfall der Gotteslehre und des, aus ihr fließenden Sittlichkeitsgesetzes entgegenzutreten. Mehr als es der Jude im gewöhnlichen Leben sich träumt, ist er berufen, schon durch seine Existenz und sein Beharren und Leben im Judenthume ein Kämpfer und Zeuge für die Wahrhaftigkeit der Gotteslehre und des Sittlichkeitsgesetzes zu sein. Allein das Judenthum hat bei diesem seinem Inhalt noch ein sehr bedeutendes Moment mehr, und dieses unterscheidet es wesentlich von dem vagen Rationalismus der, wie man zu sagen pflegt, aufgeklärten Christen. Dieses Moment besteht darin, daß das Judenthum diese Lehre auf die historische Ueberlieferung, auf das geschichtliche Entstehen und Bestehen dieser Lehre durch vier Jahrtausende hindurch gründet. Der christliche Rationalist, der den tausendjährigen Dogmen seiner Kirche verneinend gegenübertritt, hat kein anderes Argument für sich, als — sich selbst, seine Vernunft, und, wenn er eine geschichtliche Begründung sucht, so geht er auf ein, so nie bestandenes Urchristenthum zurück, das ihm bekanntlich nicht einmal das „Neue Testament" bietet, das er sich also willkürlich schafft, und das am Ende Nichts ist, als das Judenthum an der Stelle, wo das Christenthum sich von ihm ablöste. Der christliche Rationalist hat also, wie gesagt, Nichts für sich, als sich selbst, seine Vernunft, und ist demnach der Unzulänglichkeit dieser für die höchste und letzte Beweisführung hingegeben, er hat zuletzt den Argumentationen der Pantheisten und dem Andringen der Kirchlichen Nichts entgegenzusetzen, als die allgemeine, instinktive Uebereinstimmung seiner Vernunft und seines Herzens mit dieser Lehre. Anders das Judenthum. Das Judenthum giebt seine Lehre als von der Gottheit ausgeflossen. Und mag nun diese Offenbarung sehr verschiedentlich aufgefaßt, verstanden und ausgelegt werden, wie dies die jüdischen Philosophen von Saadia an bis heute gerhan, selbst der, vom orthodoxen Begriffe der Offenbarung am Weitesten Abstehende muß die Offenbarung noch so verstehen, daß die Lehre des Judenthums ein Urprodukt der Menschheit ist, und sowol hierin, als darin, daß fortdauernd die Geschlechter in ihr ihre Befriedigung fanden, und ihre Erkenntniß jener nicht widersprach, ist ihre Begründung gegeben; und sie bedarf nun weiter Nichts, als daß die Vernunft und Gefühlswelt des Einzelnen ihr nicht widerspreche, um hinlänglich erwiesen und gefestigt zu sein. Das Judenthum ist also die von der Geschichte getragene Lehre vonGott und der aus ihr fließenden Sittlichkeit. Hieraus erkennt man denn schon, daß, was die Lehre selbst betrifft, alle Juden auf demselben Boden stehen, und nur die Einzelnen als Solche nach ihrer Individualität ein Mehr oder Minder tieferer Erkenntniß erstreben oder erlangen. Allein darum, weit das Judenthum die von der Geschichte getragene Lehre ist, muß sich noch ein Anderes Herausstellen Insofern nämlich diese Lehre die verschiedensten Zeiten durchschritt, mußte sie auch in diesen sowol innerlich in ihren Ausläufen sich verschieden, als auch insonders äußerlich verschieden in die Erscheinung treten. Auch innerlich hat die Lehve des Judenthums sehr oft verschiedene Momente in sich ausgenommen, ich erinnere z. B. an die ausgearbeitete Dämonologie, die aus Chaldäa mit einwanderte, an die Kabbala rc. Noch mehr wandelte sie äußerlich, ich erinnere z. B. an den Tempelkultus und den Synagogenkultus, die die Talmudisten umsonst durch den Spruch zu identifiziren suchten, das Gebet vertrete die Stelle des Opfers. Indem nun das Judenthum die innerhalb der Geschichte überlieferte Lehre ist, mußte zu aller Zeit die Frage hereinkommen, was, abgesehen von dem höchsten Inhalte der Lehre, von dem Ueberlieferten in der folgenden Zeit bestehen müsse, oder nicht. Ich sage mit Nachdruck zu aller Zeit, denn selbst der ganze Talmud ist nichts anders als wesentlich diese Frage, nämlich was nach dem Uebergang des Judenthums aus Palästina in alle Welt von dem Ueberlieferten zu erhalten und wie es zu erhalten sei. Ja, in der Tora selbst beginnt schon diese Frage, wenn im 5. B. Mos. 12, 15. 20. ff. das Gesetz 3 Mos. 17, daß jedes opferfähige Thier, welches ein Israelit schlachten wollte, als üVDbü im Heiligthhum geschlachtet werden mußte, ausgehoben wird, weil es nämlich nur für den Aufenthalt in der Wüste, nicht aber für das heilige Land gelten sollte und konnte. Ist dies aber der Fall, daß aus der Natur der Sache heraus diese Frage zu aller Zeit im Judenthume vorhanden sein mußte, was von dem Ueberlieferten jeweilig zu