Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1849)
- Date
- 1849-05-07
- Page
- Seite 254 (sequence 6)
- Language
- German
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254 Predigten, die vor leerem Hause gehalten, immer weniger Anziehungskraft üben, und deren wundervolle Logik, um nur Eines anzuführen, uns erst durch das Prädikat „philosophischer Bildung", das in jenem Artikel Herrn Reichmann gespendet wird, erklärbar geworden ist. Sollen wir Euch, Ihr „Mehrere Gemeindemitglieder", an die Traupredigt in der Synagoge, den Glanzpunkt der Beredtsamkeit unsers Rabbiners, erinnern? Das soll doch wol heißen: Herr Reichmann ist ein „großer Redner", ein „homiletisches Talent"! Oder sein Talent der Bibelauslegung? Bis jetzt haben wir Proben davon nur noch auf den öffentlichen Prüfungen unserer Schule, an der Herr Reichmann den hebräischen und Religionsunterricht ertheilt, vernommen, wo es sich wahrhaft glänzend bewies. Beispiele anzuführen wäre gehässig, doch sind wir auf Anfrage gern bereit, dergleichen mitzutheilen. — So gern wir nun auch dem Herrn Reichmann „feine Weltbildung", gesellige Gaben und andere für seine Amt unwesentliche Eigenschaften zugestehen, so sehr müssen wir es bestreiten, daß er auf „der hohen Warte der Zeit" steht. Wodurch will man das beweisen? Hat er je in seiner Thätigkeit gezeigt, daß er unsere große Zeit versteht, oder sich bestrebt, ihr Verständniß den Gemeindemitgliedern zu eröffnen? Und wo hat er je in einer Zeit, in der die Gemeinde besten recht wohl bedurfte, dieselbe würdig nach außen repräsentirt? Oder steht er darum auf der „hohen Warte der Zeit", weil er Amtshandlungen begeht, die sein Amt geradezu vernichten, wie z. B. die, daß er durch seine Praxis die Uebertretung des Beschneidungsgebotes gleichsam sanktionirt hat? — Alles das berechtigt uns wol zu der Behauptung, daß Herr Reichmann, mag er auch ein noch so „gutes Herz" haben, wenigstens eine unbedeutende Persönlichkeit ist, und erklärt es wol, wie er sich auf keine Weise die Zufriedenheit der Gemeinden des Landes erwerben kann: hat ihm ja doch schon die zweitgrößte Gemeinde seines Sprengels gekündigt. Und jetzt bedenke man, was weniger eines Nachweises bedarf, daß die Gemeinde mit ungeheueren Opfern ihre alte Synagoge restaurirt, einen neuen Gottesdienst eingerichtet hat, und das allerdings höchst kostbare Landrabbinat zum großen Theile aus eigenen Mitteln erhält; daß die Abgaben der zum allergrößten Theile unbemittelten Gemeindemitglieder an die Gemeinde ungefähr 4—5 Prozent ihres jährlichen Einkommens betragen, die kostspielige Erhaltung unserer Schule abgerechnet: welche Entschädigung hat die Gemeinde für so viele Opfer? — Nun wollen wir nicht verhehlen, daß die Bewegung in unserer Gemeinde zum großen Theile durch diese übermäßigen Lasten verursacht wird: aber so viele Uneigennützigkeit hat unsere Gemeinde gewiß von jeher bewiesen, daß man voraussetzen kann, es würde nie Jemandem eingefallen sein, unzufrieden zu sein, wenn er für seine Geldspenden wahrhaft geistige Erbauung gefunden hätte, und daß man hier, um mit dem höchst unpassenden Gleichnisse des besagten Artikels zu sprechen, nie seine Religion um das goldene Kalb verschachern, würde. Schließlich bemerken wir, daß an der Spitze unserer Partei, die nicht eine kleine Minorität, sondern die Majorität der Gemeinde bildet, leider nicht der Literat steht, von dem im besagten Artikel vielfach die Rede ist, und unter dem Niemand anders, als unser allverehrter Oberlehrer, der vr. Landers, gemeint sein kann. Dieses Ehrenmannes Sache ist es nie gewesen, hinter den Kulissen zu stehen: der Mann, der mit seiner Kühnheit einer Regierung offen die Wahrheit sagt, wird sich nicht scheuen, einem Landrabbiner offen entgegenzutreten. Freilich mögen auch seine Erwartungen vom Rabbiner bitter getäuscht worden sein, aber nie hat er irgendwie in feindseligem Sinne gegen ihn gewirkt. Das ist die Rechtfertigung jenes Mannes, oder vielmehr, nach unserer Meinung, der einzige Tadel, der ihn trifft, weil er sich in dieser Angelegenheit passiv verhalten. — Uebrigens müssen wir jenem Artikel gegenüber bemerken, daß sich die politischen Ideen des vr. Landers weder unpraktisch noch extravagant bewiesen haben. Sein Name wird in beiden Mecklenburgs mit der größten Hochachtung ausgesprochen, noch steht er in der Mitte seiner erfolgreichen Thätigkeit, und seine, thatsächlich bewiesenen Talente bedürfen wahrlich keines solchen Lobes, wie das dem Rabbiner Reichmann in jenem Artikel ertheilte, das in seiner Unbegründetheit an Verleumdung grenzt. — Zur Charakteristik jenes Artikels möge noch dienen, daß man nicht gewagt hat, jene offenbaren Verleumdungen aus den hier sehr bekannten Ehrenmann, den vr. Sanders, in eine mecklenburger Zeitung, in die jener Artikel eingesetzt worden, zu stellen: diese Nichtswürdigkeiten hat man sich für auswärtige Leser aufgespart. Wir hielten diese kurze Entgegnung auf jenen Ar-