Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-04-30 · Heft 18 (30.4.1849) · p. Seite 247

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 18 (30.4.1849)
Date
1849-04-30
Page
Seite 247 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225625--10157-3240190
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

247 konfessionellen Scheidewände zu durchbrechen und all die Vorurtheile, die aus dem Mutterschooße finsterer Jahrhunderte hervorgegangen, Ln den Ozean der Vergessenheit zu versenken; — wo aber das Steuer oft auf Klippen und Sandbänke stößt, daß das Rudern erschwert und das schnelle Fahrzeug in seinem raschen Lauf aufgehalten, oder gar in den Abgrund geschleudert wird, — in einer solchen Zeit kann es dem beobachtenden Auge des aufmerksamen Menschenfreundes nur angenehm sein zu erfahren, wenn hie und da Christen und Juden einander die deutsche Bruderhand reichen, und sich gegenseitig mit Gesinnungen entgegenkommen, welche das untrügliche Zeichen anerkannter Gleichheit an sich tragen. Ein solches Zeichen hatten vorgestern bei einem jüdischen Leichenbegängniß fast sammtliche Einwohner hiesigen Orts mit tiefen innigen Gefühlen an ihre Brust geheftet. Erzählen wir daher zuerst den TrauerfaU: An hob b« yr-intf starb in unserer Gemeinde der bestallte königl. Lotterie-Einnehmer Herr Sußmann Frühberg in seinem 64sten Lebensjahre. Seit 40 Jahren war er spin bao, seit 25 Jahren auch bNin und wahrend eines Zeitraums von 15 Jahren war er Gemeindevorsteher, als welcher er bei den Gebrüdern Benedix zu Stockholm ein Legat von 250 Thalern für die hiesige mir, “n?abn zu erwirken gewußt. Der Schützenkompagnie und dem Klub der hiesigen christlichen Honoration gehörte er als Mitglied an. Bei Allen, die ihn kannten, genoß er Achtung und Freundschaft als rechtschaffener, friedliebender, wohlthatiger Mann. Als Beleg für seinen Wohlthätigkeitssinn führen wir nur Folgendes an: In dem Jahre 1847, dem Jahre der Theuerung, hatte sich die hiesige arme Bevölkerung zu Diebstahlen auf Feldern verleiten lassen. Da begegnete ec einst mehreren solchen Dieben auf seinen Ländereien — er war auch Gutsbesitzer — Erbsen stehlen; anstatt aber die erschrockenen Diebe zu verscheuchen, rief er ihnen freundlich zu, einem Jeden noch 2 J/2 Sgr. hinreichend, mit den Worten: „Kaufet euch Jeder ein Pfund Fleisch dazu!" Auch als birna zeigte er sich außerordentlich wohlthaüg, wo er als Solcher von Mittellosen hier und in der Umgend gerufen ward. Wie sehr wir diesen Verlust zu betrauern Ursache haben, ist leicht zu ermessen; wir aber schweigen davon. Sprechen wir vielmehr mit unserm Religionslehrer Herrn Michael Herz Pincus, der die Leichenrede gehalten, und um dem «Tin sein Recht zu wahren, nachdem er die Verdienste des Verblichenen nur spärlich hervorgehoben, sagte er: „Doch dürfen wir unserer Trauer keine Worte, unserer Wehmuth keine Thränen geben, so lange eines Festes Schatten und seine Nachfeier uns heiligend umgeben. Berichten wir nun von dem Leichenbegängnisse, und die Kundigen werden wol verstehen, was hieraus zu lernen ist. Kaum hatte sich die Kunde von dem erfolgten Ableben dieses Biedermannes verbreitet, ließ die Schützenkompagnie durch ihren Vorstand unserer Gemeinde den Wunsch zugehen, beim Leichenbegängniß mit aufziehen und aus ihrer Mitte die Leichentrager bestimmen zu dürfen, wenn anders die Juden hiegegen kein religiöses Bedenken tragen. Ein solches Bedenken aber ward hier von Niemand erhoben; — und am Dienstage den 17. d. Mts. Nachmittags 2 Uhr trat die Schützenkompagnie in ihrer vollständigen Uniform mit Gewehr und florumwundenen Fahnen zusammen; — 12 Schützen trugen die Leiche, die Kompagnie zog in militärischer Ordnung der Leiche voran, und odschon bei ungünstigem Wetter folgte ihr ein Zug, in welchem fast kein achtbarer Bürger fehlte. Den Söhnen und Schwägern des Verblichenen, die hinter dem Sarge hergingen, folgte neben unserm Religionslehrer Sr. Hochwürden der Herr Superintendent Dr. Hahn, Rltter des rothen Adlerordens zweiter Klasse mit Eichenlaub. Auch die Herren Schullehrer, so wie die städtischen und Justizbehörden schloffen sich dem Zuge an. Am Grabe angelangr, redete unser Religionslehrec Herr Pincus die Menge an, und sagte unter Anderm: „Durch eine herrliche That haben Sie, meine Verehrten, das unzweideutige herrliche Zeugniß abgelegt, daß nicht das Bekenntniß den Menschen vom Menschen scheidet, das Menschenwerth und Menschenverdienst in etwas ganz Anderm, als in seinem religiösen Bekenntnisse gesucht werden darf." Er lehnte sich hierbei an das Prophetenwort aus nrrnzr» abi Nb :nDD b« ynna ov> müsrs trb 'n na nan nab?a -o -mp nn baa 2^2272, und zeigte, daß mit der Erkennmiß des Ewigen wachst und verbreitet sich die Erkennmiß des Menschenwerthes und die Ueberzeugung, „daß jeder Mensch für Erde und Himmel, für Zeit und Ewigkeit, zum Leben und zum Lebensgenuß gleich bestimmt, gleich berechtigt ist durch den Geist Gottes, der uns Allen gegeben wor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.