Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-04-30 · Heft 18 (30.4.1849) · p. Seite 244

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 18 (30.4.1849)
Date
1849-04-30
Page
Seite 244 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225625--10154-3240187
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

244 bestimmungsloses, ewiges Wanderleben führt, während etwa die dieser entstammte, jüngere Generation besseren Zwecken und Bestimmungen enrgegengeführt würde. Hierbei wäre zu hoffen, daß diese ganze Erscheinung einmal verschwände und aufhörte. Aber nein! die mit ihren Kindern und ihrer ganzen Familie ausziehenden und ewig wandernden Eltern bilden gleichsam ein immer sich verjüngendes und progressiv sich vermehrendes Bettelinstitut, mit allen moralischen Lastern und politischen Nachtheilen, die ein Solches mit sich führt. Die Kleinen, auf der Heerstraße und in der Fremde ohne Heimath geboren, auf dem Wanderleben groß geworden, von Jugend auf dazu erzogen, Nichts, als Wandern und Betteln gesehen und erfahren habend und sich so gleichsam dazu bestimmt glaubend, Arbeit kaum dem Worte nach kennend, ohne Unterricht, selbst im ersten Elementarwissen, ja sogar dem religiösen und moralischen, auch aller technischen Vorbereitungen entbehrend, überhaupt ohne Erziehung und Bildung, ohne Schule und Haus, und von Beispielen fast nur unnachahmungswurdige gewahrend, können sie nichts Anderes werden, als was sie wirklich sind, sind und werden sie zu Vagabunden erzogen und gewöhnt. Man denke sich das Lebensverhaltniß dieser Unglücklichen, die von Jugend auf von Planen vielleicht sprechen hören, wozu die Noth sie treibt, wenn nicht unter sich, dann bei ihren Reisegesellschaften und in den Herbergen, — die hier, Kleine und Erwachsene, Verwandte und Fremde, ohne Rücksicht auf Geschlechtsverhaltniffe und Sittlichkeit, mit und durcheinander wohnen und sich lagern, kann man es anders erwarten, als daß ein solches Bettlerinstitut allmalig auch zur Zuchthausleranstalt werde? Und die so lebenden und es so treibenden Familien sind, wie schon erwähnt, nicht in kleiner Anzahl vorhanden, die, weil sie gegenseitig Nichts zu verlieren und zu versorgen haben, ohne Bedenken häufige und neue, eheliche und ehelose Verbindungen eingehen und so in stets noch wachsender Zahl sich vermehren. Wir fragen, ob dem Staate ein solches allen menschlichen und staatlichen Bestimmungen entgegenlaufendes, aller Sittte und allen Gesetzen Hohn sprechendes Leben eines großen Theils seiner Bewohner gleichgiltig sein könne, ob, so man auch annehmen könnte, daß ihn das Leben und Schicksal einzelner davon betroffenen Personen und Familien nicht kümmere, er die dadurch gefährdete Stellung seiner selbst und der übrigen Bewohner übersehen dürfe, und ob so endlich durch Nichtberücksichtigung und Vernachlässigung solcher Erscheinungen er indirekt dieselben gleichsam Hervorrufen, stillschweigend gut heißen und privilegiren solle. Wir tragen keinen Augenblick Bedenken, alle diese Fragen verneinend zu beantworten. Es erregt sicherlich das Erstaunen eines Jeden, der von dem Vorhandensein solcher Umstande weiß und hört, daß das moralische Verhältniß der Juden kein anderes und bei Weitem ungünstigeres für sie ist, und man kann auch nicht anders, da ein statiger, sich ewig gleich bleibender Zufall nicht angenommen werden kann und einen Widerspruch in sich selbst tragt, als die nothwendigen Gründe in dem den Juden angeborenen guten Sinne, wie auch dem allgemeinen religiösen Einsiusse suchen, so weit sie davon durch Tradition, Nachahmung und Gewohnheit berührt werden. Auch die Beispiele, wie der direkte und indirekte Einfluß anderer Juden sind nicht gleichgiltig hierbei, und endlich ist eine trotz Vieser Verhältnisse dennoch reiche Unterstützung solcher Armen Seitens ihrer Glaubensgenossen, wodurch sie von vielen Lastern und Verbrechen zurückgehalten werden, wol als sicher zu vermuthen und anzunehmen. Ziehen wir nun aber die schlechte Rechnung in Erwägung, die bei einer solchen Unterstützungsweise, wie die bisherige jüdische, gefunden werden muß, da ein großer Theil der ersammetten Gelder für nöthige und unnöthige Zehrungs- und Bewirthungskosten in den Herbergen und Wirthshäusern gelassen wird, welcher den Familien viel besser und vortheilhafter zu Gute kommen würde, wenn sie zu Hause an fester Statte blieben. Berechnen wir ferner, daß so viele Unwürdige diese Almosen und Unterstützungsgelder empfangen, welche, durch die bisherige stete Wanderschaft zum Betteln erzogen, sich besser Etwas erarbeiten könnten und sollten, um nicht mehr zum Nachtheil der eigentlich Bedürftigen deren Antheil zu schmälern. Berechnen wir ferner, daß die einzelnen Pfennige und selbst Groschen, die ihnen in den verschiedenen Hausern gegeben werden, zu nichts Erklecklichen zu benutzen sind, sondern ihnen wie aus den Händen wieder verschwinden, daß somit trotz aller Anstrengung der Einzelnen der Noch der Armen nicht gesteuert, weil dieselbe nicht gehoben wird. Bedenken wir endlich gar noch, daß so viele dieser Leute unter dem Schein eines Kleinhandels zum Betteln ausziehen und für diesen der Forderung des Gesetzes gemäß ein Patent lösen; daß diese Leute aber nichts Anderes besitzen, als Scheins halber einige kleine und unbedeutende Handelsartikel, welche sie als ihren ganzen Vorrath in der Tasche nachtragen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.