Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1849)
- Date
- 1849-04-30
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
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234 Dr. Hirschfeld diese immer mehr zu überwinden trachten wird, um einer durchgreifenden Reform endlich Raum zu verschaffen. In der Gemeinde zu Zülz sieht es trübe aus. Die selbstischsten Leidenschaften werden da mit einer Bitterkeit ausgefochten, daß selbst das Gotteshaus schon zum Schauplatz dieser Kämpfe geworden ist. Jene Männer des souveränen Unverstandes, die jeden Dintenklecks auf den Geschichtsblättern unserer Vergangenheit heilig und unantastbar sprechen, spielen dabei eine Rolle und benutzen das leicht zu verführende Volk für ihre Zwecke. So hatte der Rabbiner z. B. das Titularwesen in der Synagoge abgcschafft, und als Gevatter N. N. so blos weg, ohne das famose Morenu Raw, zur Tora aufgerufen wurde, spreizte er sich dagegen, weil diese Weglassung ein iYnnrr ynta ist. O ihr kleinen Seelen mit dem großen Ehrgeiz! Die Nationalversammlung zu Berlin hat ältere Adelsdokumente wegdekretirt, und ihr wollt den papiernen Wisch nicht aufgeben, den euch irgend ein Rabbi in einer Jomtoblaune großmüthig zugeworfen? Seid doch nicht so gar kindisch in dieser Zeit, die männlichen Ernst fordert! Daß der dortige Rabbiner einen schlimmen Stand hat, läßt sich denken; bald macht er es diesen, bald jenen nicht recht, jede der Parteien möchte ihn gern zum Fahnenträger ihrer ausgestachelten Leidenschaft vorschieben und verübelt cs ihm, daß er nicht als Friedensstifter auftritt, da doch hinterher das Friedenstiften zur Unmöglichkeit gemacht wird. Doch zur Mittheilung einer Eliroinguo scanckaleuse ist mir dieses Blatt zu gut, und ich breche hier ab in der Hoffnung, daß das Aergerniß, welches diese Gemeinde allen Bessergesinnten in unserer Provinz giebt, dazu beitragen werde, die Zwistigkeiten endlich zu belegen, an welchen das Gemeindcleben sich aufzehrt. — Zuletzt zeige ich noch an, daß der eine jüdische Abgeordnete für die erste Kammer in Preußen Herr Guradze aus Dppeln ist. Seine Wahl ist jedenfalls ein miruculum miraculorum; denn wer den spezifisch katholischen Standpunkt der dortigen christlichen Einwohnerschaft kennt, begreift diese Wahl in der Thal nicht. Herr G. sitzt auf der Rechten; die Juden scheinen doch nicht solche Erzrepublikaner zu sein, wie die Kreuzzeitung und ihre liebenswerthen Schwestern sie allesammt stempeln. Uns Juden ist es übrigens ganz gleichgiltig um solches Urtheil, wir gehören nun ganz zum deutschen Volke, und weisen die Sonderungsgelüste der Kreuzritter entschieden von uns ab. AirWam, 12. April. (Privatmitth.) Am Dienstag, den 10. c. fand in unserer Synagoge eine öffentliche Prüfung der Zöglinge der hiesigen vom Herrn Wedel! geleiteten Religionsschule statt. Das rege Interesse, welches an derselben sowol Männer, die ihr Leben der Pädagogik gewidmet, als auch die Eltern unserer Schuljugend, so wie die Gönner und Freunde des jüdischen Schulwesens nahmen, steigerte sich mit jedem Unterrichtsgegcnstande, welcher examinirt wurde. Daß die Prüfung zur allgemeinen Zufriedenheit ausfiel, bedarf kaum der Erwähnung. Es gehört aber auch die Geduld und die Ausdauer eines Sisyphus dazu, eine Schule von den heterogensten Elementen, die von Mädchen und Knaben in den verschiedensten Lebens>ahren und mit den verschiedensten Fähigkeiten zugleich besucht wird, in einem Jahre zu einer solchen Höhe emporzuheben. Wer überhaupt die schwierigen Verhältnisse kennt, unter denen in unserer Gemeinde in Betreff der Schule auch nur Etwas geleistet werden kann, wird die praktische Lehrmethode eines Mannes, der in so kurzer Zeit solche erfolgreiche Resultate erzielte, zu würdigen wissen. Am Schluß der Prüfung übergab Herr Joel Wertheim jun. ein ansehnliches Geldgeschenk zur AuStheilung von Prämien. Wir können der Gemeinde nur Glück wünschen, einen Mann wie HerrnWcdell in ihrer Mitte zu besitzen, dessen Wirken sowol vom Katheder als von der Kanzel bereits so segensreiche Früchte getragen hat. vr. Kirsch stein. Von der Peene, 20. April. Verzeih', lieber Leser, wenn ich heute statt mit einem Berichte mit einer kleinen Betrachtung komme und folge mir, wie Du mir schon manchmal folgtest; ich werde Dich nicht lange aufhalten; nur einige Minuten gönne mir, dann bist Du meiner ledig. Sieh' es ist Morgen; ich stehe sinnend und schaue hinein in das Leben der Natur; die düsteren, frostigen Wintertage sind in das Meer der Vergangenheit hinabgesunken; der Himmel, seines dunkelgrauen Gewandes entkleidet, flimmert in zartester Bläue dem Auge entgegen; am östlichen Horizonte tritt die Königin des Tages, umhüllt vom hellstrahlenden Lichtschimmer, von glanzvollem Purpur, majestätisch hervor und sendet ihre leuchtenden und