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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-04-23 · Heft 17 (23.4.1849) · p. Seite 229

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 17 (23.4.1849)
Date
1849-04-23
Page
Seite 229 (sequence 9)
Language
German
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229 verlieren, sondern in schöner geregelter Form, auf kunstgerechten Gesetzen gestützt, hören. Daß diese in Rede stehenden Melodkeen, ohne den Zusammenhang zu zerreißen, so abgekürzt werden, damit sie für den zu verwendenden Text ausreichen, ist schon öfter besprochen worden und bedarf kaum der Erwähnung. So können wir auch von dem alten Gesang, den wir nach vorgenommener Revision Choral nennen wollen, den besten Gebrauch machen, wenn wir nicht vergeffen, weltliche Lieder von gottesdienstlichen Gesängen zu unterscheiden. Was ich hier sage, ist zwar nichts Neues; es ist Gefühlssache, und wer wird wol nicht einsehen, daß die zu verwendende Melodie eines weltlichen Liedes zum heiligen Texte ungeziemend, verletzend ist; und doch werden in diesem Punkte viele grobe Fehler gemacht. Die sonst gebildetsten Leute, welche mit dem Amte eines Vorsängers betraut sind, entblöden sich nicht, hie und da eine Melodie anzubringen, die nicht nur auf die religiöse Erbauung störend einwirkt, sondern Erinnerungen hervorruft, die den Betenden in das Theater oder in den Tanzsaal versetzen. Diese Fakta finden aber meiner Ansicht nach ihren Grund darin, daß man die traditionellen Gesänge noch nicht erschöpfend und vielseitig musikalisch genug bearbeitet hat. Entweder sind die jetzt vorhandenen Gesänge dieser Art für geübtere musikalische Kräfte berechnet, oder fehlt ihnen das Einfachere zur leichtern Ausführung mittelmäßiger Talente. Der verlegene Vorsänger muß in Ermangelung guter Nahrung seine Zuflucht zu schlechterer Kost nehmen, und, um seinen Beruf auszufüllen ist jedes Mittel recht. Aus dem Gesagten erhellet nun deutlich, daß eine Sammlung einfacherer Synagogengesänge, die leicht ausführbar sind, Noth thue, und würde sich dieser den Dank aller derer, welche für religiöse Interessen nicht erkaltet sind, verdienen, der sich dieser Arbeit unterzöge. Um jedoch das Nationale, Eigenthümliche des ersten Theils irnsers Synagogengesanges, als die traditionellen Melodiken, ihrer Eigenthümlichkeit wegen, zu wahren, ist cher Kompositeur in gewisse vorgezeichnete Grenzen gebannt, er darf keinen neuen musikalischen Gedanken schaffen, sondern die herkömmlichen beregten Melodiken schmücken, verbessern und vereinfachern; er darf nur die Schale vom alten Roste putzen, ohne jedoch in den Kern zu dringen. Eine solche Verbesserung wurde auch schon früher vorgenommen und ist als dringend nothwendig erkannt worden, als die sittliche und intellektuelle Bildung bei den Juden zunahm. Nachdem die Israeliten immer mehr und mehr dem Fortschritte huldigten, fanden sie auch diese verbesserten alten Gesänge nicht mehr ganz genügend und es entstand die zweite Abtheilung der angeführten Melodieen, der zeitgemäße Synagogengesang. Wie dieser beschaffen sein muß, liegt im Worte selbst, und hier bietet sich ein weiteres Felo des schaffenden Tondichters dar. Hier kann er seinen religiösen Gefühlen und heiligen Empfindungen vollen Ausdruck verschaffen, seinen heftigen Drang der inneren religiösen Gefühle verlautbaren, und man wird aus seinen Werken den Grad seiner Gemüthsbildung bemessen können, da Gesang oder Musik die Sprache der Seele, des Gemüthes ist. Die magische Wirksamkeit des Gesanges auf das Gemüth hat schon das Alterthum erkannt, was wir nicht nur durch die Bibel, sondern auch bei den alten Griechen und anderen Völkern begründet finden. So las ich irgendwo: „Der Gesang ruft aus steinernen Herzen Thranen hervor; daher gebraucht die Kirche den Gesang, um durch den Reiz der Töne dem sonst zum Guten trägen Herzen das Wort der Wahrheit unvermerkt in's Herz zu flößen. Der Gesang dient zur Verherrlichung Gottes und zur Erbauung des Menschen." Stamm sagt: „Der Einfluß des Gesanges erstreckt sich auf das innerste Heiligthum des Gemüths, er befördert die wahre Herzensbildung." Es geht nun aus dem'soeben Gesagten hervor, daß der Kompositeur des zeitgemäßen Synagogengesanges auf die Gemüthsbildung der Gegenwart Rücksicht zu nehmen hat. Es entsteht nun die Frage: „Wie soll der zeitgemäße Chorgesang, der das gläubige Gemüth zum Herrn erheben, und die Andacht befördern soll, beschaffen sein?" Ich glaube, daß die Beantwortung dieser Frage in folgenden Punkten liegt: 1) Die Melodie stimme mit der Bedeutung des Textes überein; es wäre sonach ein Widerspruch, ein Halleluja in der Molltonart und ein flehendes Gebet in Dur zu setzen; 2) die Melodie muß geschmeidig, leicht zu beharmoniren und erbaulich sein; 3) den menschlichen Stimmorganen gemäß sein; 4) darf der Gesang weder zu schleppend noch zu geschwind sein, damit ein gefühlvolles Portamente hergestellt werden kann; 5) nichts Opern- und Tanzartiges enthalten, und endlich 6) jeden Knalleffekt verhüten. Theuere Amtsbrüder! Zwar ist es leichter, Vorschläge zu machen, als diese zu verwirklichen. Was kann es 17*

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