Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1849)
- Date
- 1849-04-16
- Page
- Seite 217 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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817 „In der Zeit, welche der Eroberung durch die Normanen folgte, wuchs die Bevölkerung, entwickelten sich die Elemente der Produktion; Liese ganze Periode stellte ohne Zweifel in Großbritanien die seltene Handelsbefahigung in's Licht, welche die Juden in aller Zeit, in jedem Lande auszeichnete. Diese Befähigung aber, damals auf die bescheidenen Grenzen des Leihens auf Pfand und Zins beschrankt, konnte nicht verfehlen den Haß der Kleinen und die Begierde der Großen zu erregen. „Wenn ein ganzes Volk, sagt d'Jsraeli in seinem „„Geist des Judenthums"", sich einem einzigen Gewerbe, einer einzigen Kunst widmet, so eröffnet es neue Wege und endigt damit, einen hohen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Unglücklicherweise für die Juden war ihr großer Beruf, ihre einzige Kunst der Geldhandel. Um die Reichthümer, die sie aufhäuften, unsichtbar zu machen, erfand ihr Genie die Wechselbriefe, eine bewunderungswürdige Erfindung, die in unserer Zeit, wie die Buchdruckerkunst, zu gewöhnlich geworden, um noch bewundert zu werden. Das Wunder hat aufgehört; der Nutzen allein besteht; aber die Wechsel und die Druckerei sind nichtsdestoweniger zwei mächtige Hilfsmittel der Zivilisation, die nach und nach alle Staaten der Welt verbindet und eine große Republik daraus macht. Der Erfolg der Juden war es, der sie zur Proskription führte, zum Gegenstände der Verfolgung machte. Der Feudalbaron sah sie als Schwämme an, die man sich so viel wie möglich vollsaugen lassen muffe, um dann daraus den letzten Tropfen Wassers zu drücken." „Ein Dekret Eduards des Bekenners verbot zum ersten Male das Leihen auf Zins. Wahrend einer langen Periode kämpften die Borurtheile der Geistlichkeit und des Volkes über diesen Punkt gegen die wachsenden Bedürfnisse des Handels. AufZins leihen hieß sich dem verhaßten Namen eines Wucherers aussetzen. Selbst die Leihhäuser in Italien entgingen dieser Anklage nicht, als die Neapolitaner im 16ten Jahrhundert die Bedürftigen den Quälereien der Pfandleiher entziehen wollten. Die Theologen, den Texten der h. Schrift einen zu engen Sinn gebend, behaupteten, daß nach dem Gesetze Mosis das Leihen auf Zins eine direkte Verletzung des Willens Gottes sei. Gilbart in seiner „Geschichte der Banken" widerlegte diesen Jrrthum leicht. Moses wollte aus den Hebräern ein ackerbauendes Volk machen. Dies war, wie Montesquieu gesagt hätte, der Geist seiner Gesetze. Indem er das Leihen auf Zins verbot, verbot er den Handel; er verwahrte die Sitten seines Volkes vor der Berührung mit den entarteten und götzendienerischen benachbarten Nationen. Jndeß gestattete er den Juden das Leihen auf Zins an Fremde, eine Ausnahme, die genugsam beweist, daß das allgemeine Verbot eine politische Maßregel, nicht aber eine moralische Vorschrift war." „Während der Periode, von der wir sprechen, waren die Juden die gezwungenen Bankiers der Könige und Feudalbarone. „„Die Borurtheile des Jahrhunderts, sagt Hume, gaben dem Leihen auf Zins den Namen des Wuchers, und dennoch setzte die Nothwendigkeit, mächtiger als alle Borurtheile, den Gebrauch fort; der größere Theil dieses Geschäfts siel überall in die Hände der Juden, die, schon durch ihren Glauben für geschändet erachtet, keine Ehre mehr zu verlieren hatten, und geschickt waren ein an sich verhaßtes Gewerbe zu üben, mit dem Geiste des Raubes und der Aussaugung, der sie noch verhaßter machte."" „Man muß sich aber hüten, vergangene Jahrhunderte nach den Grundsätzen und Ideen unserer Zeit zu beurtheilen. Hume ist hier viel zu streng gegen die Juden. „Der Geist des Raubes und der Aussaugung" belebte die Christen nickt minder in ihrem Verhalten gegen die Juden. Hatte z. B. der König Johann ein anderes Recht als das der Gewalt, als er jeden Tag einem Juden einen Zahn ausreißen ließ, weil er sich sein Geld nicht aussaugen lassen wolltet War Heinrich III. mehr zu entschuldigen, als er sie die grausamste Behandlung erdulden ließ, indem er ihnen weder gestattete, England zu verlaffen, noch daselbst in Frieden zu leben, und als er auf eine Bittschrift dieser Unglücklichen antwortete: „„Kann man sich wundern, daß ich Geld fordere? Bei Gott, meine Schulden belaufen sich auf 200,000 Mark, und sagte ich 300,000, so würde ich die Wahrheit nicht verletzen. Von allen Seiten täuscht man mich. Ich bin ein verstümmelter König, ich bin nur ein halber König. Ich muß Geld haben, thut Nichts woher, thut Nichts wie, thut Nichts von wem!"" „Jndeß wandte Nichts die Juden ab, nach Reichthum zu streben. Sie waren ohne Vaterland; weder die normännischen Barone, noch die sächsischen Häuptlinge dachten daran ein Volk unter die Fahnen zu rufen, das so friedlich wie die Quäker war. Alles, was man von ihnen verlangte, war Geld." „Die erste Verfolgung der Juden fand 1189 statt, unter der Regierung von Richard Löwenherz, zu der Zeit als die Bank von Venedig gegründet ward. So gründete, während die nordischen Barbaren ihre Zuflucht zu 18*