Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1849)
- Date
- 1849-04-16
- Page
- Seite 214 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225606-3225623--10122-3240153- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
214 gesammelt, verdienen ehrenvoll genannt zu werden. Diese Vorsteher waren es auch, welche den sel. Abr. Kohn von Hohenems hierher gebracht haben. Er sollte Anfangs nur Prediger und Religionslehrer sein, doch er wurde nachher auch Kreisrabbincr und dieses war sein Unglück. Denn erstens wer den biedern, aufrichtigen und kernfesten, aber äußerlich etwas schüchternen und kalten Charakter dieses Hochedeln kannte, mußte gleich wissen, daß er hier nicht auf dem rechten Platze war. Den Schwarzgläubigen, welche nur heucheln und stets maskirt sind, war seine deutsche Offenherzigkeit ein Dorn im Auge, und den Aufgeklärten mit ihren kalten, äußerlich polirten Seelen konnte er auch keine Glut und Wärme, kein frisches Leben einhauchen. Seine Reden, abgerechnet seiner schwachen Stimme, waren logisch, bündig und konnten den Verstand überzeugen, keineswegs aber begeistern, die Gemüther einnehmen und die Herzen erobern. Er war tiefgelehrt und glaubte daher seine Gedanken als rohe Goldklumpen dem Volke bieten zu können, ohne es als ausgeprägte Scheidemünze für den Gebrauch eines Jeden zu bearbeiten. Mehr aber als dieses hat ihm das sogenannte Matrikelführen den Haß des rohen und gemeinen Pöbels zugezogen, denn durch dieses Einträgen der Neugeborenen, Hingeschiedenen und Neuvermählten der ganzen Gemeinde, wofür bei den Vermögenden eine gewisse Abgabe zu fordern ist, ist er tagtäglich mit den rohesten polnischen Juden zusammengekommcn, mußte er mit ihnen der Abgabe wegen sprechen und überhaupt in vielfache Berührung kommen, und jeder polnische Jude hält ja einen jeden, der mit ihm dreimal freundlich spricht, für seinesgleichen, vor dem man keine Furcht zu haben braucht, und jeden, den er nicht fürchtet, schimpft, flucht und mißhandelt er, wenn er kann. Denn Achtung und tiefe Ehrfurcht kann ja bei dem rohen Schwarzgläubigen nicht vorhanden sein. Dazu kam noch, daß die zwei aufgebläheten, in allen öffentlichen Blättern bereits berüchtigten Arnstein und Bernstein, der Erste ein Sohn des frühem Rabbiners, und der Zweite als talmudisch gelehrt sich dünkende, Beide aber durch Unterdrückung der Miterden, durch erpressenden Wucher ungeheuer reich, zur Beschwichtigung ihres bösen Gewissens geschworen zu haben scheinen, alles Vernünftige und dem Lichte der Aufklärung Entspringende auf Tod und Leben anzufeinden. Diese Beiden haben am Meisten zu dem schmählichen Tod des Hochedeln beigetragen. Denn wenn sie auch die Giftmischer nicht direkt gemiethet haben, so ist es doch allbekannt, daß sie in ihrem Fanatismus oft geäußert haben: „Dieser r>wiv (Verräther Israels) ist von den, «bi °pv"nx), welchen man in jeder Lage nur den Tod und niemals Errettung angedeihen lassen darf." Diese von Religionshaß glühenden Worte haben ihre niedrigen Kreaturen zu jener schändlichen Thal der Giftmischerei verleitet. Es ist zwar schmerzlich zu sehen, daß auch das Judenthum seine Jesuiten hat, aber der Wahrheit zur Ehre dürfen wir es nicht beschönigen, viel weniger verhehlen. Denn wie alles Böse hat auch diese empörende Frevelthat das Gute, daß endlich die Fanatisch-Orthodoxen es sehen, wohin Aberglaube und Religionshaß führen. Der unglückliche Kohn war so sehr vom Adel des Judenthums durchdrungen, daß er trotz aller sprechenden Kennzeichen der Vergiftung, die sich bald nach .brat Genüsse der vergifteten Suppe — welche nach der Aussage der Köchin und eines Kindes von einem in die Küche geschlichenen Juden, um sich die Pfeife anzuzünden, durch Arsenik vergiftet worden ist — an der ganzen Familie zeigten, dennoch nicht glauben wollte, daß ein Jude ihn vergiftet habe; und auch dann, als dies schon zur schrecklichen Gewißheit wurde, reichte der Edle die herbeigeholten Brechmittel seiner Frau und den Kindern zuerst, sich aber vergaß er, bis es zu spät war. So starb er mit seinem jüngsten Kinde als Märtyrer der Wahrheit und Aufklärung. Dieses ist über allen Zweifel erhaben; denn man hat nach seinem Tode, als man ihn auf Befehl der Obrigkeit öffnete, viel Arsenik in seinem Innern gefunden. Doch genug davon. Wenden wir uns zu etwas Erfreulicherem. Für die verlassene Wittwe mit den lebendig gebliebenen vier Kinderchen hat die fortschreitende Gemeinde durch eine baare Summe von 6000 Fl. K. M., welche die Mitglieder freiwillig zusammengelegt, so ziemlich gesorgt. Die Chasidim und Fanatiker haben triumphirt, indem sie es offen sagten: „Nun wird der Tempel mit dem Chor, die Normalschule mit allen neuen vernünftigen Einrichtungen zu Grunde gehen, weil kein deutscher Rabbiner mehr wagen wird, hierher zu kommen." Doch sie haben zu früh triumphirt! Die Gottheit der Wahrheit und des Lichtes wollte nicht den mühsam ausgestreuten Samen der Erleuchtung in Galizien untergehen lassen.