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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-04-16 · Heft 16 (16.4.1849) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 16 (16.4.1849)
Date
1849-04-16
Page
Seite 213 (sequence 5)
Language
German
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213 mußten sich Alle aus Handeln und Geldausleihen legen. Weil es aber doch jedem Volke eigen ist, daß es für etwas Höheres strebt, so legten sich alle jungen Leute, welche sich auszeichnen wollten, da sie nichts Besseres kannten und wußten, auf das Studium des Talmuds. Und da sie von allen Sprachkenntnissen, von jeder Alterthumskunde und Geschichtsforschung gänzlich entblößt waren, so schifften sie auf diesem weiten und breiten Meere des Talmuds ohne Segel des vernünftigen Denkens und Fühlens; ja sie stürzten sich mit Leib und Seele in seine unergründlichen Tiefen und brachten anstatt Perlen Wust und Schlamm einer unsinnigen Witzelei zum Vorschein. Dies hatte zur Folge, daß man jeden, der sich in der Gedankenlosigkeit auszeichnete und den natürlich gesunden Sinn mehr verdrehen konnte, auch mehr als (rpnm pab) scharfsinnigen Gelehrten achtete und verehrte. Einem Solchen wurden die Töchter der reichsten Leute wie auch die vakanten Rabbinerstellen der größten Städte feil geboten. Da nun ferner alle diejenigen, welche durch angeborenen Scharfsinn oder Uebung im Talmud sich ausgezeichnet haben, sogleich auch noch in der zartesten Jugend, zu 12 und 13 Jahren sich verheiratheten, indem die Eltern den sich vermählenden Kindern Kost und Wohnung gaben, während sie die Zinsen des zusammengelegten Geldes des Ehepaares bezogen, so lebten die jungen Leute in einem fortwährenden Müßiggänge, und der Müßiggang führte zur Schwärmerei, zum fanatischen Chasidismus. Und einzelne Schwärmer, welche zugleich schlau und scheinheilig waren, gaben sich als sogenannte Wundermacher dteo) und Vertraute Gottes aus, zu denen Tausende wallfahren. Ja, diese Verderber Israels, die lebendigen Götzen Galiziens begnügen sich nicht damit für's Segnen und Beten reichliche Belohnung anzunehmen, sondern sie zerstören auch alles Familienleben, alles Herz und Gemüth unter ihren Glaubensgenossen, indem sie durch ihre Machtsprüche Ehen schließen, ohne die dabei betheiligten Kinder zu Rathe zu ziehen, weil sie vorgeben, die Seelen in ihrem Ursprünge genau zu kennen, die sie am Besten zu paaren wissen; ja sie behaupten, die Seele eines Heiligen, eines Moses und Abrahams durch ihr Geheiß in diesen und jenen Leib herabbeschwören zu können und dergleichen krassen Aberglauben mehr. Hier in Lemberg, wo 7—8000 jüdische Familie leben, giebt's zwar nur eine chasidische Synagoge, es sind aber doch über 2000 Chasidim vorhanden, welche an diesen oder jenen Heiligen glauben; die Uebrigen sind zwar keine Chasidim, aber doch rohe, ungeschliffene Fanatiker, welche durch Wucher viel Geld angehäuft haben uno durch diesen Einfluß unzählige Kreaturen zu willenlosen Werkzeugen haben. Denn offen zu reden und zu handeln haben sie keinen Muth, sondern sie sind niedrige, kriechende Heuchler, Speichellecker und Schmarotzer. Falsche Zeugen treiben sie für jede Laune auf. Unter dieser Spreu gab es auch vielleicht 100 Familien, welche durch's Reisen in's Ausland etwas Sitte mitgcbracht haben, diese haben sich deutsch gekleidet und hielten sich dadurch schon für deutsch gebildete Männer. Doch die Vorsehung wollte, daß der frühere Kreishauptmann Millbacher zwar eigenmächtig, aber zum Heil des Ganzen sieben Vorsteher aus den gebildetesten Männern der Gemeinde eingesetzt hatte. Diesem Vorstände, welcher noch jetzt an der Spitze steht, hat nicht blos die hiesige Gemeinde, sondern alle Gemeinden Galiziens jede That der Auskläruug und des Fortschrittes zu verdanken. Er hat wie durch Zaubermacht eine israelitische Normalschule errichtet, wo über 800 Kinder auch der ärmsten Eltern einen geordneten und zeitgemäßen Unterricht genießen. Dann ein Waisenhaus gestiftet. Das größte und unvergänglichste Denkmal aber hat er sich durch den Aufbau des Tempels gesetzt, der wie eine freundliche Oase in der Wüste jeden Wanderer überrascht. Daß dieser Tempel durch seine angemessene Form, durch seine erhabene Einfachheit nicht blos das anziehendste und anmuthigste Gotteshaus Galiziens, sondern aller israelitischen Gotteshäuser ist, werden Ihre Leser schon von früher wissen. Wie dieser Tempel, der über 30,000 Thaler kostete, bei dieser kleinen Anzahl von Aufgeklärten, welche dazu noch eiskalt und frostig indifferent sind, vollendet wurde, bleibt für immer ein Gotteswunder. Besonders haben dazu die Vorsteher und an ihrer Spitze der Dr. Blumenfeld, welcher, wenn auch launisch und flatterhaft doch durch Scharfsinn und geniales Wissen sich auszeichnet, dann der vr. Kolischer, der durch Aufrichtigkeit und einen biedern Charakter nützlich wirkt, ganz besonders aber der Herr Rosen stein und I. Kolischer, nebst Herrn Dups und Dr. Baruch, von denen die ersten, Herr Dr. Kolischer, Rosenstein und I. Kolischer noch immer unermüdlich für die Erhaltung der guten Sache wirken, beigetragen. Auch die Herren Gottliebj Pipes und besonders Zippert, der das Meiste

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