Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1849)
- Date
- 1849-04-16
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
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212 bauen, weil sie den Riß ihres Baues nur flickweise vollendet haben; und nach dem Willen der Otthoren können wir nicht bauen, weit ihrem Willen die Gegenwart immer abstirbt, und die Zukunft völliz widerspricht. Und wo ist nun da der Pfad, der zu einem Ziele führet? Er ist uns glücklicherweise gegeben, es ist allein der Pfad der Freiheit. Als noch der Zwang auf dem Gebiete des Glaubens herrschte, da war es Zeit zu streiten. Es mußten sich die verschiedenen Meinungen bekämpfen, weil eine die andere beherrschen wollte, weil eine der andern ihr Dasein abzukampfen hatte. Aber die Freiheit ist gekommen, die Freiheit, die jede Meinung voll berechtigt, und die erstgeborene Tochter dieser Freiheit ist die Duldung. Oer einzige Zwang, der noch vorhanden ist, ist die Duldung. Es muß jetzt eine Meinung die andere dulden, und weil sie sie dulden muß, muß sie sich mit der andern vertragen, weit ihr sonst selbst die Quellen des Daseins versiegen. Nun, wolan! taffen wir die Ungläubigen, bis daß sie zurückkehren, oder sich selbst bauen, was sie zu bauen vermögen; lassen wir die Gleichgiltigen, bis daß sie zurückkehren, wenn die Noch sie drängt und der Geist erwacht. Für die Anderen aber ist es die Nothwendigkeit, daß sie sich vertragen, daß, indem Jedweder für sich frei ist, sie für die Gesamrntheit sich vertragen, denn sie müssen dies, weil sie sich dulden müssen. Dies also ist das Werk der Zukunft. Und darum, Israeliten, dürfen wir nicht abermals die Zeit unbenutzt vorübergehen lassen, die gekommen ist. Gerade weit uns die Freiheit, die Selbstständigkeit in allen Glaubenssachen geworden, darum müssen wir durch sie zu bauen, zu befestigen, frei zu entwickeln suchen, um Gemeinde und Synagoge und Lehre in neuer Kraft zu gestalten und aufzurichten. Die vergangenen Jahrzehende sind verloren gegangen, weil in ihnen keine Freiheit war. Wecken wir jetzt in uns den Gemeinsinn, den Eifer, die Lust. Denn fürwahr! es wird Noch sein. Denn je unerfreulicher die Verhältnisse draußen sich gestalten, je schwüler und düsterer die Aussichten werden — desto eher werden wir uns wieder in das Heiligthum des Geistes flüchten müssen, um das brennende Verlangen in unserer Seele zu befriedigen, und wohin anders können wir da unsere Zuflucht nehmen, als in das Heiligthnm der Religion? Da schöpfen wir Trost, da verjüngen wir die Kraft, da erfrischen wir die Zuversicht, um über alle Schwierigkeiten und Täuschungen uns zu erheben. Ja, dann halten wir fest den Spruch des Propheten: Gott schaffet einen Weg durch die Wüste, und wecket Ströme in der Oede; itzt sprießt es schon, der Herr bereitet es. Wollt Ihr es nicht erkennen? Amen. Zeitungsnachrichten. Oesterreichischer Kaiserstaat. Lemberg, 30. März. (Privatmitth.) Die Leser Ihres Blattes wundern sich wol, daß ihnen von hieraus über den traurigen, alle edlen Gemüther tief erschütternden Vorfall, über den gewaltsamen Tod des hiesigen Kreisrabbiners Abr. Kohn, hochseligen Andenkens, kein genauer Bericht bis heute zugekommen ist. Um ihnen ein wahrhaftes Bild der hiesigen Wirren, des schrecklichen Fanatismus unter den, dem Aberglauben, der chasidäischen Schwärmerei und der gemeinen Rohheit auf Tod und Leben huldigenden Juden zu entwerfen, worauf sie das Verbrechen und die begangene schändliche That keimen, wachsen und reifen sehen werden; mögen Sie, Herr Redakteur, folgenden Zeilen die Spalten Ihres Blattes öffnen, damit noch in späteren Jahren dem Geschichtsforscher und Freunde der Wahrheit diese bis jetzt meines Wissens ohne Beispiel stehende Mordthat in ihrer reinen Nacktheit sich darstellen möge. Bevor ich aber zur eigentlichen Darstellung der Thatsache schreiten kann, muß ich zuvor einen flüchtigen Blick auf die Juden Galiziens überhaupt und insbesondere auf die der hiesigen Stadt werfen. In Galizien bilden die Juden den fünften Theil der Bevölkerung, und wenn auch die ossiziellen Zählungen dieses nicht bestätigen sollten, so ist es nur, weil die Meisten in ungesetzlicher, von der Regierung nicht genehmigter Ehe leben, — wozu nach dem Gesetze ein Examen der Brautleute in der Religion, deutschen Sprache u. dgl. erforderlich ist — und darum die Kinder, welche als unehelich betrachtet werden, in die Listen nicht eintragen lassen. Da sie nun trotz ihrer starken Anzahl dennoch aüf dem Lande nicht wohnen durften, so wurden sie in den Städten zusammengedrängt, wo sie meistens die Hauptbevölkerung bilden. Da sic nun ferner durch den schweren Druck von außen, durch das allgemeine Knechtungs¬ und Verdummungsspstem der frühern österreichischen Regierung, von jeder nützlichen Beschäftigung, von Kunst und Wissenschaft ausgeschlossen wurden; so