Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1849)
- Date
- 1849-04-16
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
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211 Neues; bis in die Grundvesten hinein wollen wir umwühlen; neu soll die Menschheit erstehen, ganz umgewandelt; was da besteht, es soll zertrümmert werden; nicht einmal die Trümmer wollen wir gebrauchen, wir zerschlagen sie, und geben ihren Staub den Winden." O, die Thoren! Ist dieses Neue denn schon bereitet? ist es gesprossen, erwachsen, gereist? Hat es Wurzel geschlagen, einen Stamm geschaffen? Oder wollt Ihr die Frucht vor der Wurzel, die Garben vor der Saat? Nein! In der Menschheit ist ohne geschichtliche Unterlage Nichts haltbar; nur aus dem Bestehenden laßt sich ein neuer Bestand bilden; nur auf dem und aus dem, was die vergangenen Geschlechter bis heute geschafft und gebaut, läßt es sich neu schaffen und bauen. In der Menschheit wie in der Natur will Alles Zeit haben zu wachsen, sich zu lautern, zu reifen. Ihr gehet zu Grunde mit Eurem Wollen und Nicht-Können, bittre Täuschung tauschet Ihr ein statt der fröhlichen Hoffnung; Eure Kraft wird vergeudet. Euer Thun ist umsonst — die Menschheit will nicht; und sie will nicht, weil ihr innerstes Gesetz es verbeut, dem widerstrebt. Da wäre denn nur der dritte Weg für uns gangbar, und der ist: wir haben mit allen sittlichen Mitteln und aller Kraft des Geistes und unerschütterlichem Ernste zu wahren und unverletzt zu erhalten die großen Grundsätze, die verkündet worden von Volk zu Volk, zu wahren und unverletzt zu erhalten, was errungen worden, und auf diesem Boden haben wir gründlich die Besserung der wirklichen Zustände anzustreben. Freilich ist dies nicht das Werk eines Tages, freilich gehören hierzu Ausdauer, Muth und Festigkeit. Dafür werden aber die, so diesen Weg gehen, die wahren Sieger sein. Mögen sich die, welche das Regiment des Alten wieder haben wollen, auf die Macht der Bajonette stützen, nicht immer wird diese ihnen gehören, ja, wisset es nur, die Macht des Geistes überwältigt alle anderen Machte. Mögen die, welche mit einem Male die Gesellschaft umkehren wollen, auf eine Gewalt hoffen, die sich erheben soll: aber sie kommet nicht. Die aber vertheidigen wollen, was errungen worden, und die erobern wollen, was hieraus folget, sie können heute unterliegen, morgen erstehen sie wieder, sie können heute schweigen müssen, morgen erheben sie wieder ihre Stimme. Nur muß es nicht auf das Aeußerliche gehen, nur sich nicht um Formen drehen und winden, sondern eingreifen muß es in das wirkliche und innerliche Leben, da muß es Freiheit des Geistes und Sicherung des Lebensbedarfes, da muß es Regelung und Ausgleichung wollen. Wenn so die Entwickelung in die Tiefe greift, wenn ihr so das gesammte Volk und sein Bedürfniß am Herzen liegt, wenn sie so mit Kraft und unerschütterlichem Ernst vor sich geht — dann kann ihr der Sieg doch nicht mangeln. Wohl, meine Freunde, das haben wir zu thun. Ich bereite Neues, (nicht vom Himmel wird es geworfen,) itzt sprießt es, (nicht auf einmal stehet der Baum da,) sagt der Prophet, aber diesen Weg dürfen wir nicht verlassen, darum muß sich der Kern des Volkes schaaren — sonst wird der Sturm wiederkehren, und die Wogen noch höher schlagen, und der Weg wird nicht gefunden zur erwünschten Küste. Gedenket des Peßachs, das uns aus Egypten geführt; ja, es führte in die Wüste; vierzig Jahre führte es Israel in der Wüste; aber der Weg wurde doch gefunden zum Lande der Verheißung. n. Ist es aber wahr, m. Fr., daß wir jetzt angekommen auf dem Boden der Entwickelung, wo wir von innen heraus mit Fleiß und Ausdauer heraustreiben müssen was in uns lebt: so sehen wir uns auch um im Kreise des Judenthums. Und wie? hätten wir nicht auch hier eine Wüste vor uns, eine Oede um uns, wo wir nach Pfad und Strömen suchen? Hier häufen sich die Schwierigkeiten immer mehr. Und warum? Weil dieses Judenthum so geringzahlig ist in seinen Gemeinden und doch ebenso viele Verschiedenheiten berget, wie die Welt: die Orthodoxen, die Verbesserung Anstrebenden, die Gleichgiltigen, und die Ungläubigen. Jene, die von dem Ueberkommenen nicht lassen wollen, trotzdem die Welt und sie selbst Andere geworden sind; die Zweiten, die da bringen, was Niemanden ganz befriedigt; die Dritten, welche gar Nichts wollen, weil ihr leeres Jnnres für Nichts Anknüpfungspunkte hat, die Vierten, welche der Religion den Krieg erklären, weil ihre „neue Weltanschauung" dem, was wir Religion nennen, widerspricht. Für die Letzten können wir nicht bauen; sie geben auf, was die Menschheit bis hieher gehalten, und vergessen, daß Nichts fest steht, Nichts bewiesen ist. Nichts endlich zu beweisen ist, was nicht seine Begründung in der Menschheit selbst hat, sie wollen nicht wissen, daß ihrer Anschauung ewig ihr eigenes inneres Bedürfniß widerspricht, das Herz, das in ihrem Busen klopft. Mit den Anderen, den Gleichgiltigen, können wir nicht bauen, denn sie ziehen ihre Hände alle Wege zurück, weil der Geist sie nicht treibt. Durch die Verbesserer können wir nicht