Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1849)
- Date
- 1849-04-09
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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B n B 9 204 Es läßt sich nun einmal nicht leugnen, daß bei Abschließung der meisten Ehen in den höheren und mittleren Standen der Judenheit das leidige Geld eine wichtige Rolle spielt. Wir haben es hierbei nur mit dem an Zahl bedeutend überwiegenden Mittelstände zu thun; denn ob die verhaltnißmäßig wenigen Reichen unter uns aus Habsucht oder aus Ahnenstolz (!) nur eine ebenbürtige Ehe schließen, das kann der Gesammtheit ziemlich gleichgiltig sein und in den niederen Ständen ist das Uebel nicht vorhanden. Wir stellen uns demnach blos die Frage: Wie kömmt es, daß so viele Heirathskandidaten des israelitischen Mittelstandes sehr eifrig nach Gelderwerb streben, anstatt über ihre Wahl allein die persönliche Neigung entscheiden zu lasten und wie ist dem Uebel zu steuern? Man ist in der Regel geneigt, jene Herren unbedingt zu verurtheilen und die jungen Damen brechen gewöhnlich zuerst unbarmherzig den Stab über einen solchen Sünder. Wir sind weit entfernt, denjenigen in Schutz nehmen zu wollen, besten Verhältnisse der Art gesichert sind, daß eine Geldheirath offenbar nur den Zweck haben kann, etwa das bisher betriebene kaufmännische Geschäft noch weiter auszudehnen u. dgl. m. — Gern geben wir zu, daß derjenige, welcher sich einigermaßen in der Lage befindet, eine Familie anständig ernähren zu können, sehr verächtlich erscheint, wenn er seine Person gleichsam der Meistbietenden zuschlägt. Allein die Sache hat dock) noch eine andere Seite, welche der Unparteiische nicht übersehen darf. — Die ganze bisherige bürgerliche Stellung der Juden brachte es mit sich, daß sie sich fast ausschließlich dem Handel widmen mußten. Dieser kann aber schlechterdings ohne Kapital nicht betrieben werden. Da nun die meisten jungen Männer aus den Reihen der Handlungsdiener oder der unselbstständigen Kaufmannssöhne, mit geringem Vermögen, eben durch die Heirath, in den selbstständigen Handelsstand übertreten wollen, so ist Nichts natürlicher, als der Wunsch, durch gleichzeitige Erlangung der nöthigen Geldmittel das wichtige Unternehmen auf eine solide Basis zu gründen. Man kann daher diese zahlreiche Klaffe deshalb noch keineswegs des Eigennutzes zeihen, obgleich man allerdings auch Einzelne ganz ohne Vermögen mit Glück einen eigenen Hausstand bilden sieht. Wenn sich nun auch für die deutschen Juden durch die erlangte Gleichstellung die Möglichkeit eröffnet hat, künftig auf manche andere ehrenvolle Weise ihr Brod zu verdienen, so dürfte doch noch eine schöne Zeit darüber hinweg gehen, bis sie sich eine derartige Stellung gewonnen haben werden, die es ihnen gestattet, bei'm Eintritt in den Ehestand die materiellen Rücksichten ganz außer Acht zu lassen. Es muß daher, wenn man der immer mehr um sich greifenden Ehelosigkeit, besonders unter dem weiblichen Geschlechte für die Zukunft entgegentreten will, auf Mittel gesonnen werden, wie die weniger vermögenden Eltern, auch ohne bedeutende Summen, Aussicht erlangen, ihre Töchter anständig zu verheirathen. Ein solches Mittet besteht nach unserer Meinung darin, wenn die Eltern, vermittelst einer zweckmäßigern Erziehung es dahin zu bringen suchen, daß ihre Töchter in ihrer Person ein rentables Kapital reprasentiren, mit anderen Worten, wenn Letztere sich solche Fähigkeiten aneignen, die für den angehenden Ehemann von so bedeutendem Bortheil sind, daß sie das mangelnde Vermögen ersetzen und es ihm möglich machen, eine Familie zu ernähren, ohne ein eigenes neues Geschäft zu gründen. Man glaube aber ja nicht, daß wir hier von der Erstrebung eines hohem Bildungsgrades reden. Im Gegentheil, unsere Töchter, namentlich in den Städten, lernten bisher eher zu viel als zu wenig. Es ist z. B. in den meisten Fällen dem jungen Ehemanne sehr gleichgiltig, ob seine Frau Klavier spielt, singt und tanzt, ob sie mehr als eine fremde Sprache spricht, feine Stickereien anfertigt, Romane und Zeitungen liest, wenn diese Frau blos die Dame spielt. — Jeder sieht dieses ein und dennoch verleitet uns täglich die Eitelkeit, unsere Töchter Dinge lernen zu lassen, deren Nutzen in fehr weiter Ferne liegt, während wir nicht daran denken, sie in den Stand zu setzen, einst ihrem Manne kräftig zur Seite stehen, oder sogar, wenn es nöthig ist, selbstständig sich ernähren zu können. Blicken wir doch um uns. Warum sehen wir unter unseren christlichen Mitbürgern nicht jenes Rennen nach Geldheirathen? Man denke nur nicht, daß sie das Geld weniger lieben, als die Juden; das wäre ein großer Jrrthum. Aber der bedeutende Unterschied besteht darin: Wenn ein christlicher Vater aus dem Mittelstände sechs Töchter hat, so ist z. B. Eine Lehrerin, Gouvernante oder Gesellschafterin, eine Andere Putz- oder Haubenmacherin, eine Dritte ertheilt Unterricht in Musik und Gesang, eine Vierte ist Stickerin oder Kleidermacherin, eine Fünfte Ladenmamsell oder Wirthschasterin und die Sechste unterstützt den Vater im eigenen Geschäfte und die Mutter in der Haushaltung. Sehr häufig etabliren