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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-04-09 · Heft 15 (9.4.1849) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 15 (9.4.1849)
Date
1849-04-09
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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203 lich. Das volle Recht sieht sie nur auf Seiten der durchgebildeten Vernunft, nur den Menschen erkennt sie als frei an, der die Einwirkung besserer Einsicht gern aufnimmt und in Liebe sich der Gesammtheit anschließt. Sie erkennt daher auch dem sittlichen freien Staate das Recht wie die Pflicht zu, mit der Macht der ihm inwohnenden Vernunft im kirchlichen Leben die geistige Freiheit zu wahren. In dem allgemeinen Begehren nach vollständiger Ablösung der Kirche vom Staate sieht sie zumeist ein Produkt jener widernatürlichen Allianzen, die man auch sonst mit Verwunderung vereinigt sieht: der jesuitischen Arglist, die sich jeder Aufsicht über ihre Machinationen und Herrschastsgelüste entledigen möchte, der abstrakten, nicht die praktischen Bedürfnisse beachtenden Freiheitsideale derer, die in gutmüthiger Schwärmerei die Menschen schon auf dem Höhepunkte der Vollkommenheit angekommen wähnen, und des zerstörenden Radikalismus, der entweder träumt oder auch blos vorgibt, aus Trümmern würden von selbst neue herrliche Gebäude sich zusammenfügen, wenn nur vorerst jedenfalls jeder geschichtliche Bau in Splitter zerlegt wird. Darum, weil der mittelalterlich romantische Staat in die Aeußerung der freien Ueberzeugung roh eingegriffen hat, darf dem freien Staate nicht die Macht entzogen werden, in den wichtigsten Beziehungen seiner Glieder einen heilsamen und thatkräftigen Einfluß zu üben. Blicken wir in die nächste Zukunft, so dürfen wir nicht erwarten, daß die dargelegte Gesinnung einer mächtigen Bundesgenossenschaft sich zu erfreuen haben werde. Die Masse ist theils radikal zertrümmernd, blickt in materiellem Streben verächtlich auf die religiöse Erhebung, theils deutet sie die neu errungene Freiheit dahin, daß Niemand das Mecht habe, gegen ihre Widersinnigkeiten, albernen Gewohnheiten und schädlichen Mißbräuche Einspruch zu erheben, daß sie vielmehr mit um so größerer Zähigkeit daran halten müsse, damit es nicht den Anschein gewinne, sie ordne ihre individuelle Freiheit den Anforderungen Anderer unter. Die herrschende Gewalt ihrerseits akzeptict die Trennung der Kirche vom Staate, aber behält den bisher bevorzugten Konfessionen ihre historischen Rechte vor, und die bisher unterdrückten — nun, die mögen sich freuen, daß sie des Druckes ledig sind und als Atome frei umherschwimmen können. Die Trennung der Schule von der Kirche deutet sie dahin, daß der Unterricht in der Religion der die Ortsmehrheit bildenden Konfession doch von demselben Lehrer ertheilt werde, nur daß er nicht mehr unter der Aussicht des. doch immer eine gewisse unbefangene Höhe des Standpunktes bewahrenden Staates, sondern der einzelnen, völlig parteiischen Kirche stehe; die Konfessionen, welche nirgends die Mehrheit bilden, mögen Zusehen, wie sie durchkommen. Das Judenthum soll aus der Stellung der zum Kampfe genöthigten, weil zurückgesetzten, Kirche nimmer herauskommen. Aber ein solcher Kampf gegen die Flachheit, die Beschränktheit und das Unrecht der Gewalt läutert, und die Macht der Wahrheit ist groß genug, um alle Hindernisse zu besiegen. An der Schwelle einer neuen Zeit, eintretend in neue Verhältnisse, hat das Judenthum es zu beweisen, daß es nicht der dumpfen Kerkerluft seine Erhaltung verdankt, daß im Gegentheile seine Lebensfcische selbst durch die Einpferchung nicht erstickt worden und nun in der freien Bewegung zu voller thatkcaftiger Ausströmung gedeiht. Mögen seine Bekenner dieser Aufgabe sich ernst bewußt sein, nicht der Sorglosigkeit sich hingeben, sondern mit Warme und aufrichtiger Arbeit an sich selbst bei dieser Aufgabe sich betheiligen!" Aachen, im Februar 1849. Indisch-soziale Fragen. Sechster Artikel. Ueber das Streben nach Geldheirathen. Wenn wir uns heute unterfangen, in unseren Betrachtungen über das soziale Leben der Glaubensgenossen ein Thema zu berühren, welches etwas delikater Natur ist, so setzen wir uns vielleicht der Gefahr aus, viele heirathslustige junge Männer gegen uns in Harnisch zu bringen; dagegen lächelt uns etwa andererseits die Aussicht auf ein freundliches Zunicken mancher jungen Schonen, die mit besorgtem Blick in die Zukunft schaut. Dem sei indessen wie ihm wolle. Wir gedenken uns weder durch den Tadel der Einen noch durch den Beifall der Anderen beirren zu lassen und unbefangen unsere Meinung zu sagen. Wer sich dessen bewußt ist, auf die wunden Stellen in dem Leben seines Volkes, ohne Spott und Hohn nur deshalb hinzudeuten, um die Heilmittel aufsuchen zu helfen, der darf sich beruhigen, wenn er auch von einer oder der andern Seite mißverstanden oder verkannt werden sollte. — Datum gehen wir getrost an's Weck.

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