Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1849)
- Date
- 1849-04-09
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Gang derselben auf's Störendste eingegriffen. Nur eine innige Wehmuth bleibt uns bei der Erinnerung an jene früh Dahingegangenen, deren Vorbereitung für das Leben und die Ewigkeit erfreulich begonnen hatte; sie werden von einem höhern Erzieher der Reife entgegengeführt werden. Als die allgemeine Beruhigung wieder einkchrte, versuchten wir durch ernste Thätigkeit das ohne unsere Schuld Versäumte zu ersetzen, und die Einbuße ist geringer, als wir gefürchtet. Die Anstalt hat die Grundsätze, nach denen sie errichtet worden, treu bewahrt, und mit Zuversicht hält sie an denselben fest. Tagesweisheit mit ihren Stichworten und Flachheit möchten auch dieses Gebiet überfluthen. Die Anarchie des schrankenlosesten Individualismus sieht auch in der Unterordnung unter die vernünftige Einsicht eine Beschränkung; sie will auch der Dumpfheit, der Rohheit, dem Aberglauben das unverkümmecte Recht gewahrt wissen. Unsere Anstalt hat sich durch solche Ansichten und Anforderungen nicht beirren lassen. Die Gesinnung, in der sie wurzelte und wurzelt, war und ist diese: Der menschliche Geist wird durch die irdischen Formen und Verhältnisse, in denen er weilt, nicht erschöpft. Ec gelangt zur wahren Freiheit nur durch die Vollendung seiner Würde und seiner Kraft; diese aber bestehen in der Höhe und Klarheit der Erkenntniß und in der Reinheit und Energie des sittlichen Bewußtseins. Der menschliche Geist soll alle irdischen Verhältnisse durchdringen und verklären, aber indem er sich in dieselben versenkt, soll er zugleich über ihnen stehn und eingedenk sein, daß er nicht in ihnen ausgehen kann. Er soll alles Unrecht, alle willkürliche Scheidung und Bevormundung tilgen, die thatkraftige Liebe verbreiten, zugleich aber hoch über dem Unrechte, der Bedrückung, den unvermeidlichen Leiden und Uebeln der Erde erhaben sein und in seiner eignen Kraft die Selbstständigkeit finden, sich von ihnen zu befreien, sie innerlich überwinden. In diesem höhern Bewußtsein erkennt er, wie er die irdischen, zeitlichen und räumlichen Schranken durchbricht, erkennt er die Unendlichkeit des Alles umfassenden Geistes, seine eigne Ewigkeit wie das Sein und Wicken eines heiligen und vollkommenen Gottes, in dem der einzelne Geist erst seine Ergänzung findet, aus welcher reichen Quelle er seine kräftigende Nahrung zieht. Diese Angelpunkte sind es, der Glaube an den einzigen heiligen Gott, die Ueberzeugung von der Ewigkeit des Menschengeistes, der zu seiner Höhe sich heranzubilden berufen ist und das Bedürfniß fühlt, von seinem Reichthum mitzutheilen und in befruchtender Liebe überzuftrömen, — diese Angelpunkte sind es, in welchen die Anstalt sich bewegt. Sie scheut sich nicht es zu bekennen, ja sie rühmt sich dessen, daß sie freudig in solcher Weise eine religiöse ist, das Judenthum in seiner historischen Entwickelung vertritt. Mag die Zweifelsucht das Sein und Wirken eines heiligen Gottts beseitigen wollen, mag die Unzufriedenheit mit unseren Zuständen, — die oft gerecht ist, aber die nothwendigen geschichtlichen Durchgangspunkte und Kampfe verkennt — die sittliche Erschlaffung preisen, des Hinblicks auf den über den Unvollkommenheiten der Erde stehenden Geist, auf seine Ewigkeit spotten, mag die Trivialität sich mit der oft wiederholten Phrase brüsten, „die auf das Jenseits gezogenen Wechsel würden nicht akzeptict, sie müßten hier eingelöst werden," mag die Schmähung gegen das Pfassenthum auf jede religiöse Gemeinschaft, auf jede Belehrung, welche über die Lagesinteressen hinausgeht, ausgedehnt werden: diese Wahrheiten, die Säulen der Welt und des menschlichen Daseins werden darum doch nicht erschüttert, und der wahre Fortschritt und die echte Freiheit, sie werden dennoch zur Liefern Erkenntniß des geistigen Weltzusammenhangs und der sittlichen Weltordnung, der sittlichen Natur und der sittlichen Bedürfnisse des Menschen hinführen. Dieser Autorität der höhern religiösen Wahrheit hat die Anstalt sich stets gern untergeordnet, nicht so dem unklaren Belieben, der hergebrachten Form, der Herrschaft der Gewohnheit und der Unvernunft. Sie erkannte sich als eine Anstalt, die, weil sie der Religion diente, freudig der Reform sich anschließen muß. Sie will die Unterordnung des Sinnlichen unter den freien Geist, nicht die Knechtschaft des Geistes unter leblosen Formen, sie will die Würde, nicht die Erniedrigung des Geistes, sie will die sittliche, selbstbewußte Energie, nicht die saftlose Hingebung an Unbegreifliches, sie will den innigen Bund der Seele mit dem göttlichen Geiste, nicht die Schmiegsamkeit unter Satzungen, welche in dem menschlichen Geiste und Herzen ohne allen Anklang sind und nur der Unterwürfigkeit unter ein angebliches Machtgebot und dem verdumpfenden Einfluß der Gewohnheit ihre Dauer verdanken. Auch eine neuerlich vielbeliebte Theorie der Freiheit, wonach eine jede Unvernunft das ungeschmälerte Recht zu ihrer Geltendmachung hat, wenn nur Mehre, und namentlich wenn recht Viele diese Unvernunft theilen, ist mit der Gesinnung, welcher diese Anstalt Entstehung und Leitung verdankt, nicht vertrag-