Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1849)
- Date
- 1849-04-09
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
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198 werden. Hierin stimmt der orthodoxeste Jude mit dem freidcnkcndstcn überein. Es wäre eine Pflichtvergessenheit und Treulosigkeit, wenn die Israeliten jetzt, in schöneren Tagen, diesen Glauben lassen wollten. Zu seiner Aufrechterhaltung aber und Befestigung in den Gemüthern bedarf es vor Allem der Pflege des Gemeindelebens. — Dann nennen wir als ein Gut der israelitischen Gemeinden die ausschließliche Geltung des Gemcindewillens, der in Betreff der inneren Angelegenheiten sich immer frei bewegte, keiner Bevormundung unterthan war und jedes hierarchische Gelüste stets mit Kraft niederhielt. — Dann folgen die vielen nützlichen und wohlthatigen Institutionen, auf welche die israelitische Gemeindebehörde in ihrem Aufrufe mit Recht und vorzüglich aufmerksam macht, um deren segensvolle Erhaltung oder beklagenswerthen Untergang es sich handelt. Die Wohlthätigkeit steht mit der Religion in der innigsten Verbindung; sie ist ihr vorzüglichstes Gebot und ihr zuverlässigster Probierstein. Nun ist es freilich wahr: die Wohlthätigkeit ist eine allgemeine Pflicht, zu üben von Allen gegen Alle, und es muß das gewiß den Israeliten zum Lobe gesagt werden, daß sie Herz und Hand stets offen haben für die Leiden ihrer Mitmenschen, ohne auf den Unterschied des Bekenntnisses zu achten. Auch das ist wahr: der Geist der Zeit strebt dahin, den konfessionellen Separatismus möglichst zu brechen und eine allgemeine Verbrüderung der Menschen durch Gott zu erzielen, ein Ziel, welchem schon vor Jahrtausenden die Seher des Judenthums zugejauchzt haben. Allein ob diese allgemeine Verbrüderung durch Verschmelzung oder Läuterung der verschiedenen Religionen werde bezweckt werden, das müssen wir einer höhern Weisheit überlassen; soviel jedoch ist gewiß, daß in der Gegenwart der Plan zu einem Verschwimmen und Verschweben der einzelnen Religionen in ein nichtssagendes Etwas von allen Denkenden, welche den Entwicklungsgang der Menschheit zu würdigen verstehen, als ein chimärischer Traum betrachtet wird. So werden denn in langer Zukunft noch die Konfessionen sich auch in das Werk der Wohlthätigkeit theilen, und diese sowie der von ihr mit Segen bedachte unglückliche Theil unserer Mitmenschen wird dadurch unendlich gewinnen, daß nicht der Staat allein aus Gerechtigkeit, sondern mir ihm verbunden die religiösen Gemeinschaften, aus Liebe, sich der leidenden Menschheit annehmen. Ihnen ist der edelste Wetteifer zur Pflicht gemacht, welche von denselben sich in dem heiligen Werke der Menschenbeglückung vor der andern auszeichnen werde, wie schon Lessing in seinem schönen Gleichnisse über den Vorzug der Religionen den Angehörigen der verschiedenen Religionsgesellschaften zuruft: Es eif’re Jeder seiner unbeftoch'ncn, Von Vorurtheilen freien Liebe nach. Die israelitische Religionsgemeinde wird sich gewiß auch in Zukunft dieses edeln Wetteifers nicht entschlagen; dazu aber bedarf es der fortwährenden Pflege der Gemeinheinstitute, und dazu wieder der Aufrechthaltung und Befestigung des Gemeindeverbandes. Nirgends aber trägt auch ein gemeinsames Wirken edlere Früchte für Alle wie für den Einzelnen als auf diesem Boden. Bei dem Umschwünge der menschlichen Dinge ist es nicht blos eine liebevolle Sorge für Andere, sondern eine kluge Sorge für das eigne Haus, wenn der Einzelne sich am heilsamen Fortbestände der Gesammthcit betheiligt. Denn wie er jetzt für sie sorgt, so hat sie vielleicht später für seine Kinder zu sorgen. Dieses Alles befestigt uns in der sichern Hoffnung, daß der israelitische Gemeindeverband, der die Angehörigen des israelitischen Bekenntnisses nun über achthundert Jahre in Leid und Freude zusammengehalten, auch ferner in seiner segensvollen Wirksamkeit fortbestehen und die von ihm Umschlungenen in Allem, worin auf dem Gebiete des Gemeindelebens ein Zusammenwirken möglich ist, zu noch recht viel Gutem innig verbinden werde. Das aber ist gewiß, die hiesige israelitische Religionsgemeinde ist bei einem wichtigen Wendepunkte angelangt, welcher über ihre Neugestaltung für eine lange Dauer entscheidet. Möge dies von allen hiesigen Israeliten gewürdigt werden! Welcher religiösen Ansicht sie auch huldigen mögen, betheiligt sind sie und ihre Kinder bei dem wichtigen Werke, das bevorstcht — Alle, ohne Ausnahme! Darum entziehe sich Keiner der Wahl! Die Gemeindebehörde hat eine Wahl auf die volksthümlichste Weise, auf der breitesten Grundlage angeordnet, machet Gebrauch von diesem Rechte in der weitesten Ausdehnung! Gehet aber umsichtig an's Werk; sorget dafür, daß Männer aller religiösen Ansichten in den verfaffungberathenden Ausschuß gewählt werden. Es handelt sich hier nicht von einem Parteisiege, sondern