Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-04-09 · Heft 15 (9.4.1849) · p. Seite 194

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 15 (9.4.1849)
Date
1849-04-09
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225622--10101-3240131
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

194 hoben sein. Ob es einigen Wenigen aus der Masse der Juden wirklich gestattet sein wird, nach 20jähriger Anstrengung Gerichtsrath oder Postsekretac zu werden, ob es Einigen gestattet sein wird, lebenslänglich Privatdozenten zu sein u. s. w., wäre das des Pudels Kern? Dann fürwahr! war diese Emanzipation „des Schweißes der Edlen" nicht werth. Da nun aber Alles beim Alttn bleiben wird, da an eine durchgreifende Umgestaltung z. B. des Schulwesens, also der Volkserziehung, des Heerwesens rc. nicht zu denken ist, da demnach nicht der Geist einer neuen Zeit regieren, und Ausgleichung und Versöhnung nirgends hereinkommen wird, so ist im großen Ganzen doch Alles geblieben, wie es war, und die wahre Emanzipation, die Verschmelzung in allen gesellschaftlichen Beziehungen außer der religiösen, kann niemals erreicht werden. Denn was jetzt geschieht, es ist doch nur, „obgleich es ein Jude ist" — und nur die vorwiegendsten Talente, eine gewisse Nothwendigkeit und Unentbehrlichkeit vermögen den Juden vorwärts zu bringen, und berücksichtigen zu lassen. So lange dies aber der Fall ist, ist von einer wirklichen Emanzipation nicht die Rede. Denn diese geschieht nicht durch einige Buchstaben eines Gesetzes, sondern durch die Erlösung von Vorurtheil und Haß, und diese kann wieder nur durch eine veränderte Volkserziehung, durch eine ganz andere Behandlung des Volkswesens erzielt werden. Wo nach allen Seiten die Bewegung des Volkes wieder beschrankt ist, wo das ganze Leben der Gesellschaft wieder von oben herab nach büreaukratischen Normen geleitet wird — da ist die Emanzipation ein leeres Wort, ein Schatten in allen Punkten, wo das Wesen hervortreten muß. Von diesem Gesichtspunkte aus kann es nur wenig auf die Schimpfereien der Vossischen Zeitung ankommen. — Und Sie und die Herren Frankfurter glauben wirklich, daß durch Aufforderungen an die Vorstände der Gemeinden und durch Wahlen der Gemeinden eine Synode zu Stande kommen werde? 0 8ancta simplicitas! Die Gemeinden sollen zur Synode wählen? Die Vorsteher sollen zu dieser Wahl einladen und die Gemeinden berufen? Das sind nun einmal wieder Voraussetzungen, die von keiner großen Kenntniß der wirklichen Verhältnisse zeugen, und deren Erfüllung man vergebens erwarten wird. Die Vorstande! Zählen Sie doch die Gemeinden auf, deren Vorstande nicht an der größten Schlaffheit, Gleichgiltigkeit und Ueberdruß laboriren, die kaum über das Weichbild ihrer Gemeinde blicken, die von dem, was im großen Ganzen vorgeht, nur Notiz nehmen! Ich weiß es, es ist dies ein harter Spruch, aber ich habe mich umgesehen in Norden und Süden, in Osten uno Westen, und habe es so und nicht anders gefunden. Der Krebsschaden liegt darin, daß die Gemeinden immer noch die Reicheren zu Vorstehern wählen, und glauben, gar keine Anderen wählen zu dürfen. Diese lassen sich nun zwar das Amt so beiläufig gefallen, würden's auch übel nehmen, wenn es nicht so käme — aber daß sie das Amt mit Eifer und Pflichtgefühl auffaßten — daß sie Thoren wären! Wer dankt's uns, sagen sie. Oder, warum solleu wir uns Feinde machen? Oder, warum habt ihr uns dazu gemacht? Oder, wenn's euch nicht gefallt, wählt einen Andern. Ich kann dies dreist niederschreiben, und bin überzeugt, keine Jnjurienklage zu bekommen, denn sicherlich werden es nicht gerade viele Vorsteher sein, die — dies lesen. Also von denen Etwas erwarten, heißt viel Glauben in Israel haben. Die Gemeinden? Man muß die Zerfahrenheit der Gemeinden kennen, diese Lassheit, diesen Mangel an Interesse, diesen horror vor aller Gemeinsamkeit — um auch nicht die geringste Hoffnung zu hegen. Allenfalls die kleineren Gemeinden, die sich durch eine intelligente Kraft noch bestimmen lassen. Aber schon die mittleren, und gar die größeren Gemeinden! Nein, wir müssen da, wollen wir Etwas erreichen, andere Mittel in Bewegung setzen, wir müssen geradezu Jeden, der noch Liebe und Lust besitzt, auffordern, die Sache in die Hand zu nehmen, um sich zu sammeln, was ec dafür zu beleben vermag, und dann muß der Abgeordnete einer solchen, selbst geringzähligen Vereinigung von der Synode und zu derselben angenommen werden. Die Vorsynode hat zwar nur Gemeinden und Genossenschaften bestimmt, Letztere als konstituirte; allein wir dürfen dabei nicht stehen bleiben, wollen wir Etwas zu Stande kommen sehen, sondern es müssen überall Beweine für die Synode sich bilden, ganz freie Vereine, welche dann auch das vollgittige Recht, Abgeordnete zu senden, haben müssen. Ich glaube schwerlich, daß man Solche abweisen werde. Nur auf diese Weise habe ich einige Hoffnung. — Die Auswanderung aus Europa, namentlich Deutschland, wird immer größer, und bei den vertrackten, materiellen wie politischen Verhältnissen, und bei den mancherlei Lockungen, die jenseits des Ozeans rufen, wird sie immer mächtiger werden. In den Nationen war von jeher ein gewisser Instinkt, der sie nach leeren Platzen dieser Weltkugel treibt, wenn es zu Hause zu eng und zu beengend wird. Früher waren es Kolonieen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.