Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1849)
- Date
- 1849-04-02
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
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189 mehr als Jnzipienden verstehen, sich von allem Kultusverband, Synagoge und Landrabbinat loszusagen. Wie weit diese vom Wege der Demokratie abgeirrt, mögen sie daraus erkennen, daß jene nimmermehr all« bürgerlichen und religiösen Bande lösen, sondern nur jeden Zwang und Druck abstreifen will, den der Absolutismus der Menschenwürde, dem Gewissen aufgebürdet; sie wird, um nicht in die Luft zu bauen, um nicht unpraktisch, ohne sittlichen Boden zu sein, das Gute, was uns aus der Vergangenheit unter Kampf und Leiden überkommen und der Vernunft und dem Zeitgeiste entspricht niemals wie ein undankbares Kind mit Füßen treten. So rein wie die Idee der Demokratie im Judenthume wurzelt, so hat sie sich auch seit den ältesten Zeiten in den Synagogengemeinden selbst bewahrt. Die Gemeindebeschlüffe, die Wahlen der Kultus- und Gemeindebeamten, werden, fern von jedem äußern Einfluß, durch Stimmenmehrheit erwirkt, die Gemeindelasten nach eben diesem Prinzipe erhoben. Dies ganz außer Acht lassend, legt es im Schooße gedachter Gemeinde eine Minorität, an deren Spitze, aber hinter den Koulissen, ein Literat steht, dem die Verwirklichung seiner extravaganten Prinzipien auf dem Felde der Politik verwichenen Herbst nicht gelingen wollte und der nun sein Heil auf einem andern Felde, in seiner Gemeinde versucht, darauf an, nicht nur ihre Gemeinde, sondern die übrigen Gemeinden des Großherzogthums durch ihre Zudringlichkeit zu tyrannisiren. Wo ist hier die Achtung vor der Majorität, die Achtung der dem Landrabbinate durch Kontrakt schuldigen Pflichten? Ihre Handlungsweise charakterifirt sich noch mehr, wenn man bedenkt, daß der Gottesdienst, in dem auch viele Christen jederzeit Erbauung finden, als Muster für alle Synagogen Deutschlands aufgestellt werden kann, indem er bis auf nur wenige Stücke in deutscher Sprache, mit deutschen Gesängen und allwöchentlicher Predigt abgehalten wird und trotz der für Reformen ungünstigen Zeit, durch das Streben des Landrabbiners seiner weitern Vervollkommnung immer mehr entgegengeht; daß der Landrabbiner, Herr Reichmann, abgesehen davon, daß er auf der hohen Warte der Zeit steht, ein Mann voller theologischer, philosophischer, philologischer, talmudischer und Weltbildung, ein Mann von seltener Popularität, von literarischem Rufe ist, ein homiletisches Talent, ein edler Mensch, ein Muster von Sittlichkeit und Herzensgüte seiner Gemeinde genannt werden kann, durchglüht von Liebe zu seinem Berufe. Wäre dieser Kampf um ein Prinzip, etwa ein Kampf der Orthodoxie gegen den Rationalismus, ein edler, er fände noch Entschuldigung. Fragt man aber die Herren jenes Gelichters, weshalb sie diese „Wühlereien" im wahren Sinne des Wortes unternommen, die für den Augenblick auf das Rabbinat abgesehen schienen, das in der Thal der dortigen Gemeinde ein Weniges kostet, weil es zum großen Theile von Legaten erhalten wird, so ist ihre naive Antwort: „Wir wollen unser Geld sparen!" So geben wir denn von Neuem unseren Gegnern Veranlassung zu der Behauptung, daß dem gemeinen Juden Nichts heilig sei, daß er selbst seine Religion um das goldene Kalb verschachere. — Der Gemeindevorstand fand sich endlich dadurch, daß ein solcher Fall unter den Israeliten selten in seiner Art dasteht, wie durch die gerechte Entrüstung im gesinnungsvollern Theil der Gemeinde und durch den Unwillen, den diese Vorgänge bei den christlichen Mitbrüdern der Stadt und hiesiger Residenz erregten, gedrungen, das unnütze Treiben damit zu beendigen, daß er eine Gemeindesitzung anberaumte, in dem die Pietät über den Obskurantismus und Jndifferentismus siegte. Hat die Anwendung der rohen Gewalt zur Verwirklichung der Demokratie ihr viel geschadet, so schadet die Jmmoralität ihrer Astersöhne nicht minder. Möchte die israelitische Gemeinde zu Strelitz vor ferneren ähnlichen Störungen ihres innern Friedens bewahrt bleiben! Mehrere Gemeindemitglieder. Literarische Nachrichten. Magdeburg, 15. Marz. „Es stieg der Tob durch unser Fenster!" Rede nach Beerdigung der, in Folge eines in der Neujahrsnacht 18*8/49 erhaltenen Schusses, verstorbenen Esther Erlanger. Gehalten in der Synagoge zu Buchau von M. Güldenstein, Rabbiner. Zu einem wohlthätigen Zwecke. Biberach. Wir haben selten eine so tüchtige individuelle Predigt gelesen. Versteht man unter Letzterer eine Rede, die nicht dem allgemeinen Gottesdienste angehört, sondern einen besondern Fall betrifft: so ist es da stets die eigentliche Aufgabe, den besondern Fall ganz besonders in's Auge zu fassen und zu beleuchten, und ihm dann die allgemeine 14*