Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-03-26 · Heft 13 (26.3.1849) · p. Seite 173

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 13 (26.3.1849)
Date
1849-03-26
Page
Seite 173 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225620--10078-3240106
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

173 LH eil der dortigen Familien hat sich sofort nach Posen geflüchtet, und viele Kaufleute haben ihre Läger fortgeschafft. Dies sind keine Symptome der Ruhe und des Friedens. Und wenn auch im Ganzen an keine Gefahr zu denken, denn die Zustände sind jetzt noch bei weitem ungünstiger für die Polen, als im vorigen Jahre, so will doch kein Einzelner ein vereinzeltes Opfer sein. Um so weniger können sich aber jetzt die Verhältnisse bessern, und Vertrauen und Verkehr wieder zurückkehren. Wien, 12. März. (Privatmitth.) Man wird fragen, welche Aufnahme die oktroyirte Verfassung bei den österreichischen Juden gefunden? Man erinnere sich aber an die Spannung, di« in den letzten Lagen gerade Betreffs der, die Religionsfreiheit betreffenden Paragraphen bezüglich des Ausfalls der Verhandlungen des aufgelösten Reichstages bei den Juden stattgefunden — man erinnere sich, daß diese Spannung aus der Ungewißheit herrührte, ob der Reichstag die Gleichstellung der Juden votiren würde oder nicht — man erinnere sich, daß man selbst beim glücklichen Ausfall nicht wußte, wie die Regierung und das Volk sich zu diesem Votum verhalten würden — und nun denke man daran, daß gerade im entscheidenden Momente, vor dem Beginn der Diskussion über §.16, die oktroyirte Verfassung erklärte: das religiöse Bekenntniß solle keinen Einfluß auf die bürgerlichen Rechte und Pflichten haben — um einzusehen, daß den Juden Hierselbst ein Alp von der Brust abfallen mußte. Man vergesse bo<% nicht, daß nirgends außer in Rußland die Juden in gedrückteren Verhältnissen lebten, unter alten Ausnahmegesetzen mehr seufzten, als in Oesterreich, und daß es daher ihnen nicht zu verargen, wenn ihre endliche und gewisse Erlösung Jubel in ihnen hervorruft. Der Fabrikant Steiner machte den Anfang, diesen Gefühlen einen Ausdruck zu geben, indem er der Redaktion der Wiener Zeitung 600 Fl. zur Verfügung der Behörden zu Staatszwecken, aus Dankbarkeit übersandte, „daß er und seine Glaubensgenossen am 7. ein Vaterland erhalten haben." Diesem Beispiele folgten seitdem mehrere Andere. Im Lempel wurde eine Konstitutionsfeier abgehalten. Freilich findet dies bei österreichisch-feindlichen Blättern keinen Beifall. So wie eine gewisse Partei den Juden in Preußen zum Vorwurf macht, daß sie nach erlangter Gleichstellung nicht sofort servil geworden mit Sack und Pack: so macht man es den österreichischen Juden zum Verbrechen, daß sie sich über den Wegfall ihrer drückenden Bürden freuen. Wie soll man es nun der Welt recht machen? Lassen wir die Welt sprechen, wie sie will, und gehen wir unfern Weg. Zwar hoffen unsere Feinde, und wollen es uns auch insinuiren, daß die Gemeindeordnung oder ein nachträglicher Paragraph erklären würde, das Gemeindebürgerrecht oder das Staatsbürgerrecht sei an die christliche Konfession gebunden. Allein die Worte der Verfassung sind zu klar, und gerade unser unverholener Anschluß wird uns vor allen nachhinkenden Teufeln bewahren. —. In dem durch die unglückliche Schlacht berühmt gewordenen Austerlitz haben sich die christlichen Einwohner Exzesse gegen die dortigen Juden aus Anlaß der Erklärung der Gleichberechtigung erlaubt. Aus dem Württembergifchen, 4. März. (Privatmitth.) Der Assessor bei der israelitischen Oberkirchenbehörde, vr. Karl Weil, der einen Ruf in die Redaktion der „konstitutionellen Zeitung" nach Berlin angenommen, hat vor seiner Abreise folgendes lithograpbirtes Schreiben an alle Gemeinden des Landes versendet. Stuttgart, den 5. Februar 1849. Liebe Freunde und Glaubensgenossen! Zwanzig Jahre sind es nun, daß ich mit Euch und — auf Euern Wunsch — zum Theil an Eurer Spitze gekämpft habe für unsere bürgerliche und religiöse Freiheit. Was all' unsere Mühen und all unsere Sorgen unvollständig und sehr beschränkt nur angebahnt haben, das hat der Herr glorreich vollführt, ohne unser Zuthun, wunderbar vor unseren Augen. Der Euch gedient und der gemeinschaftlichen Sache lange Jahre: Ihr bedürft seiner nicht mehr. Darum, liebe Freunde und Glaubensgenossen, komme ich heute ruhig und vorwurfsfrei, wenngleich in meinem Gemüthe tief bewegt, zu Euch, mich für einige Zeit zu beurlauben, und Ihr werdet Euern alten Freund willig von hinnen ziehen lassen, denn — Dank dem, was Gott an uns gethan — Ihr bedürft, wie ich schon gesagt, seiner Dienste nicht mehr. Die bürgerlichen Beschränkungen sind gefallen, durch den freien, edeln Willen der deutschen Nation, und an uns ist es jetzt zu beweisen, daß wir der vollen Freiheit werth und würdig sind. Denn wenn, 13*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.